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Literatur
09/05/2020

Bei Heinrich Steinfest kehrt Sputnik 2 mit Hündin Laika zurück

Gefangen im Falschen: Im Roman „Der Chauffeur“ werden wieder verschwenderisch viele Geschichten nur so am Rande erzählt

von Peter Pisa

Ein Raum, in dem früher ein Zahnarzt gearbeitet hat. Der Zahnarztstuhl stand in der Mitte, und jetzt ist das Haus ein Hotel geworden und der Raum ein Hotelzimmer.

Sind Räume vergesslich oder kann sich der Raum an sein Vorleben erinnern?

Dünstet er noch immer Zahnschmerzen aus, Schreie, sodass Hotelgäste ruhelos im Bett liegen?

Es hat nur am Rande mit dem neuen Roman von Heinrich Steinfest zu tun.

Aber bei dem Wiener, der in Stuttgart lebt, hat vieles nur am Rande zu tun mit ... Wasweißich.

Das war jetzt unpräzise. Wasweißich = „eine ,in sich normale’ Geschichte, die sich nur in der Zusammenfassung so irre anhört. Aber es ist stets eine Reaktion auf das Leben und das Sterben und die Wirklichkeit und die natürliche Komik des Lebens“ (Steinfest zum KURIER).

Der Schriftsteller ist 59.

Noch erwachsener darf er nicht werden. „Der Chauffeur“ ist, im Vergleich zu „Die grüne Rollo“ und „Das Leben und Sterben der Flugzeuge“, gemäßigter ...

Dachte man. Kurz dachte man so, bevor der sowjetische Satellit Sputnik 2 in Deutschland auf die Erde kracht, 62 Jahre nach dem Start. Das war der erste „bemannte“ Raumflug – mit dem armen Hund: Laika starb rasch an Überhitzung und Stress.

Bei Steinfest lebt Laika (Bild oben). Was hat dieser Autor schon für Wunder vollbracht! (Man denke an den Vogel beim Inzersdorfer Friedhof, der Wassertropfen malte, immer nur Wassertropfen, aber sehr echt.)

Rückkehr

Sputniks Landung ist der Beginn einer Rückkehr: Die Menschen entwickeln sich ab diesem Zeitpunkt zurück. Positiv. Sonst würden sie die Erde zerstören. Spät, aber doch werden sie g’scheiter. Werfen ihre Smartphones weg. Sind nicht mehr gierig. Etwas kleiner werden sie auch. Und viel behaarter.

Aber das ist alles nur, haha, am Rande ein Thema.

„Der Chauffeur“ ist die Lebensgeschichte Paul Klees (NICHT des Malers!), der im Dienst eines Politikers stand. In einem Straßentunnel, Klee war völlig schuldlos, kam es zur Massenkarambolage – er hatte, bevor alles brannte, die Wahl, ein Kind aus einem der Autos zu retten oder seinen Arbeitgeber.

Er entschied sich falsch.

Der Politiker wurde später deutscher Kanzler. Ein mieser Typ.

Paul Klee ist seither gefangen im Falschen. Das ist im Roman zentral. Steinfest wird zwei Mal darauf zurückkommen.

Der Chauffeur hört auf, Chauffeur zu sein, er wird ein kleines, ruhiges Hotel im Norden von Stuttgart aufsperren, die Eierspeisen zum Frühstück sind über die Landesgrenzen berühmt.

Dann landet in der Nähe Sputnik 2. Dann lernt Paul Klee eine alte Mörderin, die gegenüber wohnt, kennen. Dann spielt er mit einer Russin Tennis auf der Rax. Dann begegnet er in einer Kapelle in Passau ... sich selbst.

Nur so am Rande.

Und ganz am Rande, sodass es fast aus dem Buch herausfällt, ist noch Platz für eine ehemalige Finanzamtsleiterin, die Butter herstellt: Quadrate mit Kräutersalz, innen hohl, und erst dieses Hohle gibt den unverwechselbaren Geschmack.

Das kann man bei Steinfest nicht behaupten. Er packt alles voll, riskiert dabei immer Übergewicht.

„Der Chauffeur“ ist wie ein Comics ohne Sprechblasen, angelegt auf fünf, sechs Alben. Oder nein, es sind keine Comic-, es sind Fotoalben.

„Die Geschichte schreibt sich von selbst“, sagt Steinfest. Aber die Komposition – soll heißen: die Reihenfolge der Alben, das sei das Schwierige.

So stellt er Roman um Roman zusammen, und zwar immer so, als wäre es sein letzter. Damit Steinfest, schreibend das Hypochondrische unter Kontrolle haltend, ziemlich alt wird.

 

Heinrich
Steinfest:

„Der Chauffeur“
Piper Verlag.
368 Seiten.
22,70 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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