Bogdan Roščić

© KURIER/Gilbert Novy

Staatsoper
12/24/2016

Roščić: "Fehler sind in dieser Position unverzeihlich"

Der designierte Operndirektor im Interview. Wie er den Geist Gustav Mahlers wiederbeleben will und wie schwer es hat, seine Kinder für klassische Musik zu begeistern.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Roščić, Ihre Bestellung ist sehr umstritten. Die deutsche Tageszeitung „Die Welt“ titelte: Ein Anfänger wird Wiener Operndirektor. Andere meinten, Sie seien ein Aprilscherz. Haben Sie mit diesen Widerstand gerechnet?

Bogdan Roščić: Das habe ich, von der New York Times bis zum Kurier, etwas anders gelesen, aber wie auch immer: bei allen meinen beruflichen Stationen war es so, dass es etwas für mich ganz Neues war. Was nun die Oper betrifft, befinde ich mich da in guter Gesellschaft. Von Ioan Holender bis Peter Gelb, der die Metropolitan Opera leitet. Man soll Erfahrung nicht geringschätzen, aber der Kern der Aufgabe ist ein anderer.

Welcher?

Das Entwickeln und Gestalten von Ideen. Von Erlebnissen, die Menschen begeistern und bewegen können. Es ist eine in ihrem Kern kreative Aufgabe.

Kulturminister Thomas Drozda wünscht sich von Ihnen eine Staatsoper 4.0. Was verstehen Sie darunter?

Oper hat, seitdem sie existiert, mit dem Vorwurf des Elitären zu kämpfen. Wir leben in einer Zeit, wo es erstmals möglich ist, zu zeigen, was in dem Haus passiert, ohne auf TV-Sender angewiesen zu sein. Das ist tatsächlich revolutionär. Es befreit die Oper von so vielen Zugangs-Beschränkungen. Es befreit sie auch davon, dass viele sie nur aus Karikaturen und schlechten Witzen kennen. Das beginnt mit der Frage, wie ein Opernhaus eigentlich Social Media intelligent nutzen sollte und endet damit, wie und wozu man Aufführungen im Streaming verbreitet. Für mich ist das ein ganz wichtiges Gestaltungsfeld.

Wollen Sie die Hemmschwelle senken, um neues Publikum für die Oper zu faszinieren - möglicherweise jüngeres Publikum?

Ich glaube ja, dass man Oper nicht bewerben kann. Macht man es, landet man stets bei Anbiederung oder Simplifikation. Nach dem Motto: „Kommen Sie rein, es tut nicht weh.“ Das funktioniert nicht. Ein Opernhaus kann sich nicht verleugnen. Man kommt da ganz schnell zu bedauerlichen Resultaten, wie sie zu beobachten sind, wenn etwa Karl Lagerfeld Punk-Mode für Betuchte adaptiert. Was Vermarktung von Oper tun kann, ist: zu zeigen, was an diesem Haus passiert, das Tag und Nacht Bilder und Klänge produziert. Es gibt kein machtvolleres Instrument, um neues Publikum für die Oper zu begeistern.

"Diese Unbedingtheit eines Kunstwillens, der alles am Betrieb der Qualität unterordnet, hat für mich kein Ablaufdatum."

Sie haben bei Ihrer Antrittspressekonferenz sehr stark Gustav Mahler in den Fokus gerückt. 2022 jährt es sich zum 125. Mal, dass Mahler Wiener Operndirektor wurde. Warum blicken Sie in die Vergangenheit, wenn Sie das Haus modernisieren wollen?

Der Geist, den Mahler in das Haus getragen hat, ist von zeitloser Gültigkeit. Modern und neu ist nicht dasselbe. Damit meine ich nicht, dass die Formensprache oder die musikalische Sprache der Zeit von Gustav Mahler und Alfred Roller die Zukunft der Wiener Staatsoper sein soll. Aber ich denke, dass Mahlers Haltung und sein Anspruch eine große Inspirationsquelle für jedes Opernhaus sein können. Diese Unbedingtheit eines Kunstwillens, der alles am Betrieb der Qualität unterordnet, hat für mich kein Ablaufdatum. Mahler war nicht nur Mahler, sondern auch der bedeutendste Operndirektor, seine Leistung unerreichbar. Die Energie dieses Menschen war übermenschlich.

Sie wollen einen Generalmusikdirektor installieren. Soll dieser dann die Detailarbeit an der Musik, die Sie an Gustav Mahler so schätzen, erledigen?

Eine Beziehung, wie Gustav Mahler sie mit der Wiener Hofoper hatte, ist heute nicht mehr möglich. Er hat in manchen Spielzeiten über 100 Abende selbst dirigiert. Daher kann man das nicht vergleichen. Aber es ist für mich klar, dass ein Opernhaus nicht von einer Person alleine gestaltet werden darf. Natürlich muss jemand den Prozess steuern und letztendlich entscheiden. Aber es muss einen kreativen Think Tank geben, und dazu gehört selbstverständlich auch der musikalische Bereich. Wir glauben immer, die Werke sind die Werke, die Musik ist die Musik, alles steht in den Noten. Dann muss man nur intensiv proben und es schön aufführen. So funktioniert das ja nicht. Es muss Partner für die Direktion geben bei der Entwicklung der Programmlinie oder in der Erarbeitung der Entscheidungen in Sachen Ensemble und Besetzung. Das ist neben dem Dirigieren eine ganz wichtige Funktion des Generalmusikdirektors. Aber nicht nur der Generalmusikdirektor wird eine wichtige Entscheidung sein, es geht auch um alle anderen Dirigate. Was ist insgesamt die Riege der Dirigenten? Was sind ihre jeweiligen Spezialitäten? Und wie viel Commitment zur Wiener Staatsoper geben sie ab? Hier möchte ich eine engere Bindung zwischen prägenden Dirigenten und der Staatsoper schaffen. Für mich ist es selbsterklärend, dass das zu einer überlegenen musikalischen Qualität führt.

Sie haben bei der Pressekonferenz gesagt, der Schritt war die wichtigste Entscheidung in Ihrem Leben. Sie haben in Hamburg, London, New York gearbeitet. Warum will man dann wieder zurück nach Wien?

Ich habe gesagt, es war beruflich meine wichtigste Entscheidung. Meine Kinder stellen mich jeden Tag vor Entscheidungen, die ich im Zweifelsfall für etwas wichtiger halte. Ich habe ungefähr fünf Millisekunden nachgedacht ­ wenn überhaupt. Manchmal sagt einem das Leben, wo man hingehört. Der Standort spielt da keine Rolle. Es gab eine Zeit, wo ich gerne raus aus Österreich wollte. Aber New York, London, Berlin haben es so an sich, dass der Zauber, den wir alle hinter den sieben Bergen vermuten, sich auf geheimnisvolle Weise verflüchtigen kann, wenn man mal dort ist. Ich habe immer gerne in Wien gelebt und ich werde es wieder tun.

Die Wiener Staatsoper verzeichnet dieses Jahr einen Publikumsrekord mit 610.461 Gästen. Ist das ein Kriterium, an dem Sie sich auch messen werden. Oder steht für Sie in den ersten Saisonen die Kunst im Vordergrund?

Man muss sich daran messen lassen. Ich zähle nicht zu denen, die sagen, mein Gott, das Haus ist voll mit Touristen. Es ist eine große Leistung. Eine Veränderung oder eine Verjüngung des Programms, die dazu führt, dass das Publikum ausbleibt, wird nicht überleben. Es ist sicher ein Kriterium zur Beurteilung einer Amtszeit. Aber nicht das einzige und nicht das oberste.

Sie waren Ö3-Chef. Wie funktioniert der Wandel vom Senderchef, wo Pop und Rock im Mittelpunkt steht, zum Operndirektor?

Ich wurde damals geprügelt, weil ich in einem Interview sagte: „Ich höre zuhause nur Oper.“ Jetzt dagegen umgekehrt... Oper war immer Teil meines Lebens. Mal weniger, mal mehr und in den letzten 15 Jahren sehr intensiv.

Sie sind mit zehn Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Österreich gekommen. Österreich steht vor einer enormen Integrationsaufgabe angesichts des Flüchtlingsstroms. Wie hat die Integration bei Ihnen funktioniert?

Ich hatte privilegierte Ausgangsbedingungen. Mein Vater war Chirurg, meine Mutter Anästhesistin und Intensivmedizinerin. Beide am Linzer AKH. Natürlich erlebt man so das Land, in das man gerade eingewandert ist, etwas anders. Es war für mich ein vollkommen friktionsfreies Ankommen und Heimischwerden. Ich bin im Februar nach Österreich gekommen, kam in die vierte Klasse Volksschule und konnte kein Wort Deutsch. In diesem Alter fliegt einem die Sprache zu, wie durch ein Wunder. Das sehe ich auch bei meinem elfjährigen Sohn, der in Berlin auf eine internationale Schule geht. Sechs Monate nach meiner Ankunft in Österreich kam ich auf das Gymnasium in Linz. Ich habe mich keine Sekunde lang fremd, ausgegrenzt oder diskriminiert gefühlt. Und das war 1974.

Wie groß ist der Zeitdruck, bis 2020 das Programm zusammenzustellen?

Ich will im Detail jetzt mal ein paar Tage lang gar nicht darüber nachdenken, denn sonst würden mir die Haare zu Berge stehen. Wenn man sich die verrückten Vorlaufzeiten in der Oper anschaut, wurde die Entscheidung keinen Tag zu früh getroffen.

Sind Sie nervös?

Es gibt Aufgaben, wo man sich schlechte Entscheidungen, unpräzises Denken leichter durchgehen lassen kann als in dieser Position. Da ist es unverzeihlich. Denn es ist eben kein Job, sondern etwas ganz anderes. Ich würde es nicht Nervosität nennen, sondern ich spüre den Druck der Verantwortung. Aber ich hätte es nicht gemacht, wenn ich diesen Druck nicht hätte spüren wollen. Der schlimmste Fehler im Leben ist, es einfach haben zu wollen.

War der Job des Direktors eines Opernhauses ein langersehntes Ziel?

Es gibt Dinge im Leben, die kann man nicht ansteuern. Der zweitschlimmste Fehler im Leben ist, immerzu irgendwelche Pläne zu haben.

Wenn Sie 2020 als Staatsoperndirektor antreten, ist es durchaus im Bereich des Möglichen, dass der Bundeskanzler Heinz Christian Strache heißt. Würden Sie den Job trotzdem erfüllen?

Selbstverständlich. Ein Wiener Operndirektor hat sich auszudrücken durch die Produktionen der Wiener Staatsoper. Er hat keine ideelle Gesamtverantwortung für alles, was in Österreich passiert. Seine persönliche Meinung ist eine andere Sache.

Gerade Künstler sind keine unpolitischen Menschen. Kann man das Klima in der Republik dann einfach zur Seite schieben?

Das habe ich nicht gesagt. Oper heute muss und wird auch politisch sein. Aber aus Beleidigtheit darüber, dass politisch Entscheidungen fallen, die einem nicht schmecken, seine Aufgabe nicht wahrzunehmen, ist inakzeptabel.

Sie haben drei Kinder. Konnten Sie sie für die Oper gewinnen?

Unsere Kinder sind 17, 11 und vier Jahre alt. Der Älteste beschäftigt sich noch nicht mit der Oper. Sein Instrument ist das iPhone, auf dem bestürzend geschmackvoll kuratierte HipHop-Playlisten täglich neu zurechtgefeilt werden. Der elfjährige hat gute Ohren und bekommt gerade Gesangsunterricht bei einer jungen australischen Opernsängerin in Berlin. Und die Kleine singt sowieso die ganze Zeit. Ich sage nur: „Let it go“.

Das heißt, auch der künftige Staatsoperndirektor hat als Vater Schwierigkeiten, seine Kinder für klassische Musik zu begeistern?

Ich habe als Vater nichts als Schwierigkeiten. Oder vielleicht eher so ein permanentes Gefühl des Versagens bei der schwierigsten Aufgabe überhaupt. Dagegen ist sogar die Wiener Staatsoper ein Spaziergang (lacht).

In Linz begann es...

Bogdan Roščić (52).

Mit zehn Jahren kam Roščić aus Serbien nach Linz. Nach dem Studium der Philosophie & Musikwissenschaft war er Journalist (KURIER, Presse), 1993 wechselte er zu Ö3, drei Jahre später wurde er Senderchef. 2003: Künstlerischer Leiter der Deutschen Grammophon. 2006: Director des Klassik- Labels Decca. 2009: Präsident der Sony-Klassiksparte.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare