Gastspiel Kinder der Sonne im Burgtheater

© Arno Declair

Gastspiel
03/17/2013

Böse-komische Milieustudie am Burgtheater

Maxim Gorkis "Kinder der Sonne": Außergewöhnlich, das Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin in der Burg.

von Werner Rosenberger

Man weiß nichts. Man tut nichts. Also redet man viel. Und rennt hin und her.
Wenn das hinreißende Schauspieler wie beim Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin am Wochenende im Burgtheater tun, dann geht einem das Herz auf.

"Kinder der Sonne", Maxim Gorkis 1905 uraufgeführtes Sozialdrama, ist in Wahrheit eine Welt ohne Sonne. Stephan Kimmig (Regie) und Sonja Anders (Dramaturgie) haben den Klassiker ins Heute transponiert.

Boulevardesk

Da ist keine Spur mehr von Russland. Da wird nicht die große sozialrevolutionäre Trommel gerührt, sondern das realiätsnahe Porträt einer saturiert schicken, wohlhabend zynischen Milieu-Mitte-Generation gezeichnet.

Alle schwadronieren im Wissen um ihre kleinen Psychopathologien und um ihr Nicht-aus-der-Haut-Können, über ihre Ängste, Träume, ihre Verzweiflung und Einsamkeit. 90 Minuten nonstop.

Das ist Botho Strauß oder Yasmina Reza näher als Gorki. Mehr Farce als Tragikomödie. Bitterböse und voller Boshaftigheit. Die bei Gorki noch nach Erkenntnis strebenden Sonnenkinder sind nun Spießer, die nur um sich selber kreiseln. Sieben Personen hauen einander, von ihren unfreiwillig komischen Neurosen besessen, kluge Gedanken oder dunkle Zynismen, zukunftsfrohe Träumereien oder schmerzgesättigte Verzweifelungsfantasien um die Ohren.

Leerlauf der Gefühle

Intellektuelle und Künstler haben sich in ihrem Kokon eingerichtet, ohne ihre Umgebung wahrzunehmen. Alle reden aneinander vorbei. Keiner versteht den anderen. Jeder träumt für sich seinen eigenen Lebenstraum.

Ein Kabinettstück leiser Komik liefert Ulrich Matthes als Protassow im Beziehungszoo der weltfremden Nichtigkeitsplauderer. Der zerstreute, nette, herablassende Wissenschaftler löffelt sein Kirschenkompott und kriegt gar nichts mit: Dass ihn die reiche Witwe Melanija (Katrin Wichmann) anhimmelt. Dass die von ihm vernachlässigte Ehefrau Jelena frustriert ist und von einem Maler beflirtet wird: Nina Hoss spielt dabei alle Nuancen des Gelangweiltseins durch, bewahrt als einzige einen kühlen Kopf.

Irgendwie hängen alle mit allen zusammen, im Lieben wie im Hassen, etwa die gemütskranke Lisa (Katharina Schüttler), die die emotionale Kälte der anderen, das „Flattern mit schwarzen Flügeln“, nicht aushält, und der Tierarzt (Alexander Khuon). „Das Leben ist ein Scheißhaufen“, sagt er, fühlt sich als „überflüssiger Mensch“ und hängt sich auf.

Peter Jordan als Maler Wagin ist der Inbegriff von Künstlereitelkeit und Kunst als Selbstbefriedigung. Von Gorkis Prekariat übrig blieb nur der Hausmeister Jegor, der trinkt und seine Frau schlägt.

Das düsterkomische Bild einer Gesellschaft, die bei Gorki, von sozialen wie kulturellen Konflikten zerrissen, unfähig ist zur Schaffung einer besseren Welt, erzählt in Kimmigs melancholischer Inszenierung viel von der Gegenwart. Von uns. Der stinknormalen Mittelschicht von heute. Wer kennt diese Leute nicht von nebenan. Und gehört womöglich selbst dazu.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Fazit: Realitätsflüchtlinge

"Kinder der Sonne“
Regisseur Stephan Kimmig holte das Milieu der russischen Intelligenz, das bei Gorki in betriebsam geschwätziger Untätigkeit die sich abzeichnenden sozialen Verwerfungen verschläft, ins Heute.

Hochkarätiges Ensemble
Ein Schauspielhochglanzabend mit einem larmoyant-lakonischen Ulrich Matthes, einer souveränen Nina Hoss, der vom Wahnsinn gestreiften Katharina Schüttler u. a.

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