Kultur
03.10.2017

"Blade Runner 2049": Androiden, die von Menschen träumen

Denis Villeneuves Fortsetzung zum Kult-Klassiker ist tolles Sci-Fi-Kino, aber kein Meilenstein.

Man muss " Blade Runner" nicht gesehen haben, um "Blade Runner 2049" zu verstehen. Aber es hilft. Es steigert beispielsweise die Vorfreude auf Harrison Ford, der – soviel kann verraten werden – erst relativ spät in die Geschichte einsteigt. Auch sieht im direkten Vergleich zu dem Jahr 2019, in dem Ridley Scotts Cyberpunk-Klassiker von 1982 stattfindet, die Zukunft dreißig Jahre verschärft aus – verwüstet und giftig.

"Blade Runner 2049", der meist erwartete Film dieses Jahres, erlebt seinen globalen Kinostart am 6. Oktober. Bereits im Vorfeld überschlagen sich die Filmkritiken vor Begeisterung. Ridley Scott, der nur als Produzent auftrat und die Regie seinem franko-kanadischen Kollegen Denis Villeneuve überließ, veredelte das Sequel mit seinem enthusiastischen Daumen-Hoch. Und in Hollywood bimmeln bereits die Oscar-Glocken.

Doch Scotts "Blade Runner", mit seiner coolen, futuristischen Noir-Ästhetik und seiner philosophischen Melancholie, betonierte sich als Meilenstein in die Geschichte des Science-Fiction-Kinos; das wird "Blade Runner 2049" nicht schaffen.

Denis Villeneuves spektakuläres Sequel bietet einen atemberaubenden Aufwand an Schauwerten, visuellen Einfällen und atmosphärischen Zuspitzungen. Die Bilder von Roger Deakins atmen jede Sekunde die Brillanz ihrer kompositorischen Meisterschaft. Graue Betonwüsten unter Smog-Glocke, vernebelte Landschaften, vermüllte Schrottplätze und radioaktive Stadtruinen in gelblichem Licht machen das Atmen fast schwer im Kino.

Trotzdem fühlt sich Villeneuves hochgeschraubte Leistungsschau an eindrücklichen Schauplätzen bei aller Bewunderung seltsam synthetisch an. Wo Ridley Scotts Zukunftsvision diesen unverwechselbaren, vergammelten Look besaß, bleiben Villeneuves Bilder "clean", fast aseptisch.

Woran man echte Erinnerungen (und infolge dessen auch echte Menschen) erkennen kann, will ein Replikant wissen. "Daran, dass sie messy sind", lautet die Antwort – was so viel wie unordentlich oder schmuddelig bedeutet.

Doch davon hat "Blade Runner 2049" nichts. Schon deswegen, weil nichts dem Zufall überlassen wird. Auch besaß Harrison Ford, im Original Jäger von menschenähnlichen Replikanten, eine gewisse räudige Qualität, die Ryan Gosling als Officer "K" (wie Kafka?) abgeht. Als Replikant, der Jagd auf andere, widerständige Replikanten macht, spielt Gosling weitgehend ausdrucksfrei, ja geradezu brav.

Hübsches Hologramm

Villeneuve, seit seinem Thriller "Sicario" und dem Sci-Fi-Drama "Arrival" abonniert auf cinephiles Genre-Kino mit Massenappeal, setzt in seinen 163 (!) Filmminuten bewusst auf einen altmodisch langsamen Erzählmodus. Wie schon Ridley Scott verzichtet er auf großes Effektkino und stellt stattdessen tiefgründigere Sinnfragen. Die Suche des Replikanten K nach menschlicher Authentizität inszeniert er als elegischen Selbstfindungstrip, den man sich eine Spur dringlicher wünschen würde. Selbst Ks Frau, ein hübsches Hologramm, will echten Sex und nicht vorprogrammierte Gefühle.

Die Menschen hingegen – allen voran Jared Leto in einer sinistren Rolle, die ursprünglich David Bowie zugedacht war – züchten Replikanten, um sie zu versklaven. Angeblich streiten Ridley Scott und Harrison Ford ja bis heute darüber, ob Rick Deckard, der Replikanten-Jäger in "Blade Runner", nicht selbst ein menschenähnlicher Roboter gewesen sei. Bei Villeneuve beantworten die Drehbuchautoren – darunter Hampton Fancher, bereits beim Originalfilm federführend – die Frage sofort: Officer "K" ist ein Replikant. Aber er wünschte, er wäre keiner.

"Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" fragte Philip K. Dicks Sci-Fi-Roman, auf dem "Blade Runner" beruht. In "Blade Runner 2049" träumt der Androide davon, ein Mensch zu sein.

INFO: USA/KN/UK 2017. 163 Min. Von Denis Villeneuve. Mit Ryan Gosling, Robin Wright, Harrison Ford.

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