Actor Jude Law arrives for the screening of the movie "Side Effects" at the 63rd Berlinale International Film Festival in Berlin February 12, 2013. REUTERS/Fabrizio Bensch (GERMANY - Tags: ENTERTAINMENT)

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Berlinale-Blog
02/13/2013

Herr Weiß heißt George Clooney, Herr Schwarz heißt Jude Law

Alexandra Seibel berichtet von Getuschel über George Clooney und Jude Law, Interviews mit Bille August und Jeremy Irons und richtig radikalem Kino.

von Alexandra Seibel

Angeblich sind sie unter falschem Namen ins Berliner Hotel eingecheckt. Herr Weiß heißt in Wirklichkeit George Clooney. Und Herr Schwarz ist der Welt besser bekannt als Jude Law. Beide wohnen sie nun in dem gleichen Hipster Hotel in Berlin.

Klassischer Fall von „useless knowledge“, zugegeben. Trotzdem wird es mit Genuss unter den Journalisten weiter getratscht.

Herr Schwarz jedenfalls – also Jude Law – hatte am 6. Tag der Berlinale einen gloriosen Auftritt. Gemeinsam mit Steven Soderbergh und Rooney Mara präsentierte er Soderberghs fiebrigen Psyichater-Thriller „Side Effects“, der im Hauptwettbewerb lief und die Kritiker in zwei scharfe Lager teilte. Was die einen als spannend, überraschend und im Geiste von Brian De Palma empfanden, galt den anderen als vordergründig und spekulativ. Tatsächlich aber macht Jude Law als smarter Seelenklempner, der einer labilen Patientin das falsche Anti-Depressivum verabreicht und sie daraufhin in eine Ehemann-Mörderin verwandelt, beste Figur. Bei den Interviews im Anschluss an die Pressevorführung spielte Law seine Lebensrolle des hübschen Brit-Prinzen mit gelassener Eleganz. Sogar das Seidenstecktuch in seiner Jackettasche sah gut aus und keineswegs spießig. Wie es sich denn anfühle, wenn man andauernd als Sexsymbol gehandelt wird, will ein männlicher Kollege wissen, der sichtlich nicht dieses Problem hat. „Einfach großartig“, sagt Jude Law und grinst entwaffnend zurück.

"Skifahren ist langweilig"

„Wie läuft’s in Österreich?“, will der dänische Regisseur Bille August („Das Geisterhaus“) beim Interview wissen, nachdem er erfahren hat, dass sein Gesprächs-Gegenüber aus der Alpenrepublik stammt: „Wird gerade viel Ski gelaufen? Die Dänen gehen ja immer nach Österreich Skifahren und brechen sich dort die Beine.“

Herr August blitzt über den Tisch: „Ich finde Skifahren ja langweilig“, fügt er herausfordernd hinzu. Und wäre man ehrlich, müsste man ihm jetzt sagen, dass man seinen neuen Film „Nachtzug nach Lissabon“, der außer Konkurrenz auf der Berlinale gezeigt wird, ebenfalls ungeheuer langweilig findet. Eine betuliche Liebesschmonzette vor historischem Diktator-Hintergrund, die immerhin den aristokratisch anmutenden Jeremy Irons als Schweizer Literaturprofessor ins schöne Lissabon führt. Dort trifft er auf Martina Gedeck, die ihm in ihrer Rolle als Optikerin eine neue Brille verpasst. Und wenn man da noch nicht eingeschlafen ist, dann erfährt man auch noch, dass Irons mit Gedeck irgendwann später im Film essen gehen wird.

Der Nachtzug ist abgefahren

Nicht nur Bille August, auch Jeremy Irons – für einen Schauspieler von geradezu ungeheurer Körpergröße – spricht in Berlin mit Journalisten. Er trägt hohe Schnallenstiefel, in denen eine braune Cordhose steckt und sieht dabei aus, als würde er gleich auf Entenjagd gehen.

„Die deutschen Kollegen“, schwärmt Irons, „die sind großartig. Besonders Bruno Ganz.“

Das ist eine interessante, aber irgendwie auch enttäuschende Aussage. Denn gerade Bruno Ganz spielt seinen dauerbesoffenen Portugiesen (der Englisch mit portugiesischem Akzent spricht) ganz besonders outrierend und unausstehlich. Aber auch sonst ist „Nachtzug nach Lissabon“ in seiner altbackenen Betulichkeit nicht zu retten. Da ist der Zug längst abgefahren.

Sex als bizarrer Ringkampf

Will man auf der Berlinale schrägere Filme sehen, muss man sich jenseits des freundlich dahin plätscherten Wettbewerbs umsehen, etwa in einer Nebenschienen wie dem Panorama. Dort bietet der Franzose Jacques Doillon mit seiner Geschlechterkampfzone „Mes séances de lutte“ richtig radikales Kino. In „Mes séances de lutte“ treffen eine junge, zarte Frau und ein etwas älterer Mann aufeinander. Die beiden kennen sich offenbar von früher. Sie muss gerade damit fertig werden, dass ihr Vater gestorben ist und ihr nicht einmal das Klavier vererbt hat, und er renoviert gerade ein Landhaus. Dieses Landhaus gerät zum Schauplatz heftiger Begegnungen. Zuerst wird miteinander gesprochen, dann gerauft und schließlich mit einander geschlafen. Allerdings in einer Intensität, wie man sie selten erlebt. Die beiden brüllen sich an, schlagen aufeinander ein und rollen keuchend über die Inneneinrichtung. Wie zwei Ringkämpfer wälzen sie sich schließlich im Schlamm, zerren sich die Kleider vom Leib und verkrallen sich in bizarren Sexpositionen. Dazwischen werden höchst artifizielle Sätze über Selbstbefreiung und Vaterhass gesprochen. Einmal lässt sich die Frau sogar zu einem „Ich liebe dich“ hinreißen, was sie aber gleich wieder mit dem Wutschrei „nein, nein, nein“ zurück nimmt.

Doillon choreografiert die durch den Raum taumelnden Leiber meisterlich wie eine Martial-Arts-Szene des Geschlechterkampfes. Sein Liebesringen ist Provokation, eine Herausforderung der Sehgewohnheiten, und ja, vielleicht auch prätentiöser Wahnsinn. In jedem Fall aber ist es ein Kino der Eindringlichkeit, wie man es selten zu sehen bekommt. Schon gar nicht im Hauptwettbewerb der Berlinale.