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Berlinale
02/29/2020

Berlinale: Finale mit Fischen, irrwitzigen Frauen und Androiden

Vor dem Ende der Filmfestspiele beeindruckten u.a. die Filme "Shirley", "Siberia" und "The Trouble With Being Born"

von Alexandra Seibel

Der neuen Doppelspitze der Berlinale, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, war für ihr erstes, gemeinsames Festival kein leichter Start vergönnt. Die beherrschenden Themen wurden nicht unbedingt von starken Filmen bestimmt, sondern von dem rechtsradikalen Anschlag in Hanau oder den Auswirkungen des Coronavirus.
Die Berlinale versteht sich als großes Publikumsfestival, weswegen immer gerne der Mangel an Stargästen beklagt wird. Heuer kamen immerhin Prominente wie Johnny Depp, Sigourney Weaver oder Helen Mirren – die mit dem Ehrenbären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde – zu Besuch und brachten Glanz auf den roten Teppich. Zudem waren die Kinosäle besser gefüllt denn je: Das Berliner Publikum lässt sich gerne durch gut gewählte Arthouse-Filme ins Kino locken – und ist bei dem neuen Leiter Carlo Chatrian bestens aufgehoben.

Sein eigensinniges Programm bestimmte sowohl die Auswahl für den Hauptwettbewerb, als auch der neuen Wettbewerbsschiene „Encounters“. Dort feierte das unbehagliche Androiden-Drama der österreichischen Regisseurin Sandra Wollner „The Trouble With Being Born“ Premiere.

Es beginnt zuerst recht idyllisch: Ein süße Zehnjährige namens Elli und ihr Papa verbringen einen sonnigen Tag am heimischen Swimmingpool. Dass es sich bei dem Mädchen um einen Roboter handelt, der einem Kind nur täuschend ähnlich sieht, stellt sich zwar bald heraus; trotzdem fühlt sich die seltsame Innigkeit zwischen „Vater“ und „Tochter“ irritierend pädophil an. Programmiert, um den Erinnerungen und Wunschvorstellungen ihrer einsamen Besitzer zu entsprechen, enthüllen die künstlichen Mensch-Maschinen-Beziehungen schuld- und triebhaftes Begehren.

Wollner verstärkt die Verstörungen durch ihre konsequent stilisierten, unterkühlten Sci-Fi-Bilder und ein sublim sparsames Sound-Design, das den unterschwelligen Horror intensiviert. Im Gegensatz zu Wollners verhaltener Einsamkeitsstudie, nimmt sich Josephine Deckers Frauenporträt „Shirley“ – ebenfalls in den „Encounters“ programmiert – ausgesprochen expressiv aus. Elisabeth Moss, Serien-Junkies noch bestens bekannt als Sekretärin und Werbetexterin Peggy Olson in „Mad Men“, brilliert darin als schräge, amerikanische Horror-Schriftstellerin Shirley Jackson.

Elizabeth Moss arrives at the world premiere of "Her Smell" at the Toronto International Film Festival

Komplizin

Auf den ersten Blick ist Shirley keine einnehmende Erscheinung: Mit wirrem Haar, pickeliger Haut und großer Brille, gilt sie in ihrer Universitätskleinstadt der biederen 50er Jahre als Partyschreck und Schrulle. Shirley übergießt ihre Gastgeberin, die mit Shirleys Ehemann eine Affäre hat, mit Rotwein und beleidigt beim Abendessen gerne die Gäste. Als ein Pärchen in ihrem Haus einzieht, befreundet sich Shirley mit der jungen Ehefrau und macht sie zur Komplizin.Mit fahrigen Kamerabewegungen und in aufgelösten Bildern gibt Decker die Sicht auf zwei unangepasste Frauen frei, die sich melodramatischen Genre-Konventionen entziehen und die Erzählperspektiven radikal an sich reißen. „Shirley“ strotzt vor Witz, Geist und Esprit, und garantiert auch dem profilierten Michael Stuhlbarg in der Rolle von Shirleys süffisantem Ehemann ein ausgiebiges Spielfeld.

Trotz verstärktem Erzählanteil von Frauen, finden sich natürlich auch sehr männliche, durchaus toxisch punzierte Erlebniswelten im Programm: Als wäre er der kleine Bruder von „Joker“, wenn auch ungeschminkt, irrlichtert Ben Wishaw in Aneil Karias Regiedebüt „Surge“ manisch durch London, zerstört Hotelzimmer und überfällt Banken. Den Vogel aber schießt eindeutig Regie-Veteran Abel Ferrara mit seiner wahnwitzigen Fieberekstase „Siberia“ ab: Willem Defoe irrt darin durch seinen ganz persönlichen Albtraum und trifft darin auf Kriegsverbrecher, wütende Ex-Ehefrauen und – sprechende Fische.