Kultur
02.12.2018

Benjamin von Stuckrad-Barre: Der Mensch, überfordert von der Gegenwart

Der deutsche Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre präsentiert an zwei Abenden in Wien sein neues Buch: "Ich glaub, mir geht’s nicht so gut ...".

„Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“, heißt das neues Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre. Es ist der dritte Teil seiner „Remix“-Reihe, in der Geschichten aus den vergangenen zehn Jahren versammelt sind. Die meisten davon sind persönlich gehaltenen Porträts von Stars – unterhaltsame, launige und interessante Beobachtungen des deutschen Autors.

Mit Boris Becker schaut sich Stuckrad-Barre etwa dessen ersten Wimbledon-Finalsieg (1985) noch einmal an. Auch Beckers damalige Frau Lilly sieht zu und outet sich, nicht viel über die Tennis-Karriere ihres Mannes zu wissen: „Wer ist der Typ?“, fragt sie, als Beckers Trainer Günther Bosch im Bild ist. Zu ihrer Entschuldigung hält sie später fest: „Ich war neun Jahre alt, ich habe mit Barbie und Ken gespielt.“

Stuckrad-Barre war aber nicht nur bei den Beckers zu Gast, sondern u. a. auch bei Ferdinand von Schirach in Venedig und beim Madonna-Konzert in Los Angeles.

KURIER: „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“. Warum dieser sperrige Titel?
Benjamin von Stuckrad-Barre:
Der Buchtitel geht zurück auf den ersten komplexen Satz, den mein Sohn an mich gerichtet hat. Er war zwei Jahre alt, als er aus dem Nichts mir diese Weltenformel entgegenschleuderte: „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen.“ Da ist doch nun wirklich alles drin!

Legen Sie sich immer noch am liebsten im Hotel nieder?
Ja, absolut. Das Hotelleben ermöglicht es einem, ganz viel allein zu sein – ohne sich je wirklich einsam zu fühlen. Sobald so ein Einsamkeitsblues sich abzeichnet, geht man einfach in die Bar oder hängt in der Lobby rum, da gibt es immer etwas zu sehen und zu hören. Man kommt mit irgendwelchen Leuten ins Gespräch und nimmt also teil am Gewusel, muss es aber nicht selbst anzetteln. Seit ein paar Jahren bin ich fast immer in Hotels. Zwar habe ich eine Wohnung, aber da bin ich praktisch nie. Was damit zusammenhängen könnte, dass sich diese Wohnung in Berlin befindet – und dort bin ich sehr gerne nicht.

Wie gut schlafen Sie zurzeit?
Verdächtig gut. Durch die Lesungen und den damit verbundenen Tagesablauf, der mehr ein Abendablauf ist, bin ich, wenn ich dann endlich im Bett bin, auch rechtschaffen müde und kann einigermaßen gut schlafen.

Träumen Sie oft?
Jeder träumt. Der Traum ist für das Gehirn die intensivste Zeit des Tages. Im Schlaf wird da oben im Kopf aufgeräumt, sortiert – vielleicht sogar verstanden. Das muss man beachten, wenn man wache Menschen beurteilt: Die sind alle viel klüger und präziser als es scheint, doch auf dem Höhepunkt ihrer zerebralen Tätigkeiten und Vorgänge pennen sie leider immer. Ich erwache nachts oft und habe immer Zettel und Stift neben dem Bett liegen für eventuelle nächtliche Notate. Das nächtens leicht verhangene Denken und Erinnern ist eine gute Portion psychedelischer als das von der Tagesvernunft zurechtpolierte Gedachte, und manchmal liefert ein Traum so übersteigerte Bilder und Anordnungen, die helfen können, ein Gefühl verständlich zu machen, zu formulieren.

Welchen Traum träumen Sie immer wieder?
Ein wiederkehrender Albtraum ist, dass mir von der Schulleitung eröffnet wird, ich müsse die zwei Schuljahre vor dem Abitur wiederholen, weil ich nach ein paar Wochen einfach nicht mehr zum Erdkundeunterricht gekommen war und mich nie genau befasst hatte damit, ob ich auch so noch ausreichend Fächer belegt habe.

Wie würden Sie den Traum deuten?
Er bestätigt mir, dass es eventuell sehr, sehr richtig war, nach der Schule sofort loszulegen und das Studium nach einem Tag bleiben gelassen zu haben. Mir ging das da alles viel zu langsam.

Kommen wir zu Ihrem neuen Buch, mit dem Sie unter anderem einen Blick zurückmachen. Was sehen Sie im Rückspiegel?
Als Bildunterschrift all dessen passt das, was auf jedem Rückspiegel amerikanischer Autos geschrieben steht, sinngemäß etwa: Die Dinge, die hinter uns liegen, sind näher, als es den Anschein macht. Also aufgepasst, gerade die vermeintlich hinter uns gelassenen Dämonen trachten jederzeit nach einem scheppernden Auffahrunfall.

Sie sind ein genauer Beobachter der Gesellschaft. Was lässt sich gerade unschwer erkennen?
Gar nichts, alles zu hysterisch. Es ist, wie alle Zeiten, auch die momentane eine überaus wirre Zeit. Da wiederum nützt der Rückspiegel, um nämlich zu begreifen, dass das immer so war und folglich wohl auch immer so sein wird: Der Mensch ist von der ihn umgebenden Gegenwart grundsätzlich überfordert.

Was mögen Sie am Schreiben gar nicht?
Die Phase vor der Idee. Die Wüste des Suchens und Nichtwissens – grauenhaft. Aber es geht nicht ohne, man muss da leider jedes Mal durch. Es fühlt sich immer wieder von Neuem an, als sei man ein Vollanfänger: Nichts ist geschafft, nichts ist klar – außer der Angst, es nicht hinzubekommen.

Was hilft gegen kreative Engpässe?
Menschen beobachten, viel zuhören, viel sprechen. Sich aufmachen in ganz viele unterschiedliche Regionen, territorial wie sozial.

Einige trinken nach getaner Arbeit ein Bier. Belohnen sich mit Schokolade. Mit was belohnen Sie sich?
Bei mir ist es genau umgekehrt – ich empfinde das Leben drumherum als den anstrengenden Part, und das Schreiben und auch das Vorlesen, die Auftritte, als Belohnung, als Belohnung dafür, den Rest irgendwie hinzubekommen. So richtig aufgehoben und geborgen fühle ich mich fast nur beim Schreiben und auf der Bühne.

Was wäre die ideale Mischung, die einem das Leben liefern kann?
Aufstieg und Schussfahrt ins Tal. Am besten beides mehrmals – das ist unerträglich anstrengend, aber so hat das Leben zu sein, denn soweit ich weiß, haben wir nur das eine. Da sollte also alles dabei sein. Mit Udo Lindenberg gesprochen: An der Achterbahn der Welt einmal bitte den vollen Teilnehmerschein lösen.

Was machen Sie, wenn Sie in Wien sind und gerade mal keine Lesung haben?
Meine beiden Wiener Freunde Andrea und David treffen, mit denen rumhängen und für mich historisch bedeutsame Orte aufsuchen, regelrecht wallfahren zu Orten, Stätten und Zuständen, die die Größten und Allergrößten beschrieben, inszeniert und besungen haben: Thomas Bernard, Falco, Josef Hader, Wanda, David Schalko, Yung Hurn.

Was sollte man Sie auf der Straße lieber nicht fragen?
Ob ich bitte etwas leiser singen kann. Ich laufe immer herum mit riesigen, sehr dummmachend ausschauenden Kopfhörern auf dem Kopf, höre sehr laut Musik und singe lautstark mit. Das muss wahnsinnig seltsam wirken auf andere, aber mich richtet es auf: singend spazieren, stundenlang.

Lesung: Benjamin von Stuckrad-Barre – am 7. und 8. Dezember im WUK. Für 8. Dezember gibt es noch Karten.

Zur Person: Benjamin von Stuckrad-Barre, 1975 in Bremen geboren, landetet vor 20 Jahren mit seinem Romandebüt „Soloalbum“ einen Hit.  Er wurde  zum  Aushängeschild der deutschen Popliteratur, bekam seine eigenen TV-Sendungen und  war für  die Harald-Schmidt-Show als Autor tätig. Daneben legte  er zahlreiche Romane vor und veröffentlichte   Texte in  Zeitungen.      Stuckrad-Barre führte lange Zeit ein Leben zwischen Entzugsklinik und Bestseller-Listen.  Seit 2006 ist er clean. Den Weg dahin  beschreibt er im  Buch „Panikherz“ (2016). „Remix 3“ ist sein jüngster Wurf.

Benjamin von Stuckrad-Barre: „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen“ Kiepenheuer & Witsch. 320 Seiten. 20,60 Euro.