Kultur 02.03.2018

Belvedere-Chefin Rollig: "Grundsätzlich gegen das Verhindern"

Interview mit Stella Rollig, Generaldirektorin und Geschäftsführerin des Belvederes © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch

Die wissenschaftliche Leiterin Stella Rollig spricht über die Neuaufhängung der Schausammlung, über Brandschutz, Pezold und den Canaletto-Blick.

Vor wenigen Jahren stand das "Fat House" von Erwin Wurm vor dem Belvedere; diesen Sommer wird etwas anderes an der Außenhaut des barocken Schlosses zu finden sein: Eine externe Klimaanlage. Die wird als Überbrückung installiert, bis eine Lösung für die Brandschutzproblematik der bestehenden Anlage gefunden wurde.

Über den Brandschutz und den Ankauf eines bisher nicht gelieferten Kunstwerkes von Friederike Pezold gab es viel Aufregung, nachdem die neue Belvedere-Leitung ihre Vorgängerin Agnes Husslein mit schweren Vorwürfen belegt hatte.

Aktuell aber geht es um die Neuaufhängung der Schausammlung, mit Klimts "Kuss" im Zentrum.

KURIER: Die Schausammlung ist der eigentliche Magnet des Museums mit großem Wachstum. Geht man da bei einer Neuaufhängung zögerlich vor, um keine der vielfältigen Besuchergruppen zu verlieren?

Stella Rollig: Nein, man macht es mit großer Entschlossenheit und großer Freude. Es ist eigentlich, als würde man ein Museum vollkommen neu einrichten. Mit ein paar Verbesserungen und ein paar Umhängungen wäre nicht die Sammlungspräsentation entstanden, die ich für attraktiv halte.

Nehmen wir zwei exemplarische Gruppen – der asiatische Tourist und der Wiener, der mal wieder ins Belvedere gelockt werden soll. Was erzählt man denen?

Die sind gar nicht so unterschiedlich! Der asiatische Tourist – mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Korea – weiß in den allermeisten Fällen von Österreich sehr wenig. Und der Wiener war typischerweise seit Jahrzehnten schon nicht mehr hier.

Das letzte Mal mit der Schule.

Stella Rollig
Interview mit Stella Rollig, Generaldirektorin und Geschäftsführerin des Belvederes, am 27.02.2018 in Wien. © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch

Oder vielleicht mit Besuch aus einem Bundesland oder dem Ausland. Und da hat man meist auch versucht, es kurz zu halten. Für beide Gruppen haben wir die gleiche Frage an den Beginn gestellt: Was soll diese Person mitnehmen? An die Koreanerin gerichtet, erklären wir in zwei Räumen im Erdgeschoß: Wo bin ich hier eigentlich? Und wieso ist dieses Schloss ein Museum? Die Wienerin, der Wiener weiß das vielleicht auch nicht so genau; sie können sich in die Geschichte des Museums vertiefen. Und dann gehen sie zum „Kuss“. Die Koreanerin sieht ihn zum ersten Mal. Der Wiener, der hoffentlich zum zweiten oder dritten Mal da ist, hat die Chance zu sehen: Was unterscheidet Klimt von anderen Künstlern – auch Künstlerinnen – seiner Zeit? Wir haben Gerstl im selben Raum – der Klimt ablehnte. Bei uns hängen sie in einem Saal, das dürfen wir 100 Jahre später machen. Wenn Sie mich ganz persönlich fragen, steht Gerstl aus heutiger Sicht besser da. Das Gemälde „Die Schwestern Fey“, das in Sichtweite vom „Kuss“ hängt, ist ein Bild, das heute entstanden sein könnte, unbarmherzig, ergreifend.

Ein bisschen blasphemisch gefragt: Wie wichtig ist es wirklich, was um den "Kuss" herum hängt? Die Besucher kommen ohnehin.

Sie kommen. Aber ich wäre eine schlechte Museumsdirektorin, wenn ich die Losung ausgeben würde: Die Leute kommen sowieso. Wir brauchen uns nichts vorzumachen: Sie sind 2017 in zunehmendem Maße gekommen, nicht nur, weil wir ein tolles Programm hatten, sondern weil der Wien-Tourismus steigt und steigt. Wir sagen: Gottseidank! Wir hätten die Sammlung hängen lassen können, wie sie war, mit geringsten Informationen und ohne nachvollziehbare Zusammenhänge. Wir wollen aber ein Museum machen, dass im Jahr 2018 interessant und attraktiv ist. Das Ziel ist vielleicht gar nicht, noch einmal die Besucherzahlen zu steigern und noch mehr Bustouristen herzubringen, auch wenn sie uns lieb und vor allem auch wert sind. Sondern gerade auch den Wienerinnen und Wienern zu zeigen: Ihr erfahrt hier Spannendes. Denkt öfter daran, dass man am Sonntagnachmittag ins Belvedere gehen kann und immer wieder etwas Neues erfährt. In den Reiseführern sind wir ohnehin. Das ist in mir vielleicht die ehemalige Journalistin, die fragt: Was ist die Story? Und die wollen wir erzählen.

2018 ist ja wahrlich nicht arm an Jubiläen, die Ihnen nützen sollten. Aber fürchten Sie, dass die Besuchererfolge einmal nicht mehr zu halten sein werden?

Von Besucherzahlen darf man sich nicht antreiben lassen. Es kann durchaus sein, dass 2018 die Besuchersteigerung nicht mithält. Ich glaube nicht, dass sie zurückgeht. Wir haben im Jänner und Februar wieder leichte Steigerungen gehabt, obwohl wir einen Standort weniger haben. Es kann sein, dass wir in diesen sehr fragwürdigen Rankings – auch wenn sie uns 2017 Freude gemacht haben, stehe ich trotzdem dazu, dass sie fragwürdig sind – nächstes Jahr auf Platz 2 sind. Aber wir werden immer einen Spitzenplatz einnehmen. In Linz war das Besucherzahlenthema ein viel kritischeres – und unangenehmeres. Aber ich bin dabei geblieben, nicht nach Besucherzahlen zu programmieren. Nach zwölf Jahren im Lentos muss ich sagen, dass es sich ausgezahlt hat: Ich habe dieses Museum mit einem ganz starken Profil übergeben. Im Belvedere ist es umgekehrt: Wir haben die stabilen Besucherzahlen. Und die sollen es uns ermöglichen, freier zu denken, überraschender zu programmieren, uns etwas zu trauen. Zu viele Museen denken immer noch zu sehr in der Blockbuster-Logik. Es kann ein Haus wie das Belvedere ein bisschen ausscheren und etwas machen, was man hier gar nicht erwartet. Und von dem man weiß, dass es kein Blockbuster sein wird.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel Donna Huanca im Herbst im Unteren Belvedere. Da trauen wir uns etwas, diese junge Künstlerin hat noch keinen bekannten Namen in der Kunstwelt. Es ist Live-Kunst, sie arbeitet mit mit Performance-Modellen in einem inszenierten Ambiente. Sie wird das ganze Untere Belvedere mit multimedialer und multisensualer Kunst durchgestalten. Bei ihr spielen Klang und Geruch eine Rolle. Das ist eine Riesenchance, weil diese junge Künstlerin in den barocken Gemächern eine ganz eigene Welt gestalten kann. So etwas sollten wir ausprobieren!

Dafür gibt es im Belvedere-Verbund aber ohnehin eine Plattform, die aber nie so recht abgehoben hat. Wollen sie dem 21er Haus durch die Umbenennung in "Belvedere 21" ein bisschen imagemäßig nachhelfen? Viele infrastrukturelle Maßnahmen rund um das Museum sind ja auch nie eingelöst worden.

Die Umbenennung hat zum großen Teil den Grund, dass Belvedere und Belvedere 21 voneinander profitieren sollen. Unsere Vision ist, dass das Belvedere 21, wenn die Häuser im Umfeld einmal bewohnt sind, ein lebendiger Ort ist. Wir wollen dann die Öffnungszeiten in den Abend verlegen und das Blickle-Kino noch mehr bespielen. Und einen Barbetrieb haben, wo man aus dem großen Hotel, das gegenüber entsteht, auf einen Absacker rübergeht. Und wir werden es zum Schweizer Garten öffnen.

Stella Rollig
Interview mit Stella Rollig, Generaldirektorin und Geschäftsführerin des Belvederes, am 27.02.2018 in Wien. © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch

Klingt nach Zukunftsmusik.

Es ist zach, ja (lacht). Es wächst zwar schnell, aber wir sitzen immer noch Rohbauten gegenüber. In den nächsten Jahren, die in puncto Besucherzahlen noch eine Durststrecke werden, werden wir gezielt mit großen Namen arbeiten. Heuer mit Günter Brus und Rachel Whiteread. Nächstes Jahr machen wir Attersee mit seinem Frühwerk und Arnulf Rainer mit Ad Reinhardt. Im Jahr darauf Renate Bertlmann. Und auch sehr renommierte internationale Namen wie etwa Monica Bonvicini oder Elmgreen & Dragset.

Apropos: Wird es eine Friederike-Pezold-Ausstellung geben?

In absehbarer Zeit nicht.

Gibt es etwas Neues beim Kunstwerk-Ankauf?

Wir sind in Verhandlungen. Mein Wunsch wäre, ein Werk von Pezold in die Sammlung zu bekommen.

Führen Sie da direkte Gespräche mit der Künstlerin?

Nein. Nachdem Klage eingebracht wurde, sind wir über unsere Rechtsverteter in Gesprächen. In dieser Phase führt man keine direkten Gespräche. Da kommt nur ein Durcheinander raus. Ich habe meinen Wunsch sehr klar ausgesprochen, auch den Wunsch, dass wir uns außergerichtlich einigen. Auf dem Weg sind wir jetzt.

Wie lange wird der Weg dauern?

Das kann ganz schnell gehen. Wenn ich morgen einen Brief vom Anwalt von Friederike Pezold bekomme, in dem steht, dieses oder jenes Werk stünde zur Verfügung, dann würde ich das anschauen. Und wenn das entspricht, dann nichts besser als das.

Aber das ursprünglich angebotene Werk wird es nicht?

Es war nie möglich, das – notabene nicht nur angebotene, sondern bereits bezahlte – Werk zu Gesicht zu bekommen. Meines Wissens nach hat das niemand gesehen, seit es damals vor mehr als 20 Jahren ausgestellt worden war. Die Künstlerin hat uns schriftlich wissen lassen, dass es beschädigt ist und nicht übergeben werden könne. Ich kann nur vermuten, dass es irreparabel beschädigt ist, da es sich um historisches Videomaterial handelt.

Wie soll denn Ihrer Meinung nach die immer wieder, zuletzt in einem Weißbuch thematisierte Reform der Bundesmuseen aussehen? Debattiert wurden die vielen Überschneidungen in den Ausstellungsprogrammen – und die Möglichkeit, durch Zusammenlegung etwa von Security oder Drucksorten zu sparen.

Für uns in der Bundesmuseenkonferenz ist es das ideale Modell, dass diese Konferenz als Gremium für Abstimmungen untereinander und mit dem Eigentümer im Gesetz verankert wird.

Dort könnte man dann inhaltliche Abstimmungen durchführen, etwa, bei welchem Museum die Sammlung Essl andocken soll?

Das wäre die passende Gruppe, zumal der Kulturminister oder ein Vertreter direkt eingebunden sein soll. Das Beispiel der Sammlung Essl ist ein gutes. Alles, was daran im Nachhinein kritisiert wurde, hätten wir unter uns Kolleginnen und Kollegen mit dem Minister ausdiskutieren können. In der Konferenz werden nicht nur die Karten sondern auch ganz praktisch die Kalender auf den Tisch gelegt und Ausstellungen und Ankäufe besprochen.

Welche Ausstellungen der nächsten Jahre stehen denn in Ihren Kalendern?

Es ist mir ein Anliegen, dass wir überraschend bleiben und neue Terrains erschließen. 2019 werden wir eine große Ausstellung den Wiener Künstlerinnen von 1900 bis 1938 widmen – unter dem hübschen Titel „Stadt der Frauen“. Das wird wirklich spannend! Im Herbst 2019 werden wir einen Künstler wiederentdecken: Wolfgang Paalen, der eine unheimlich interessante Exilbiografie hat, der als Surrealist – Dichter und bildender Künstler – eine ganz wichtige Netzwerk- und Knotenfigur war. 2020/21 gibt es eine Kooperation mit dem Van-Gogh-Museum, die sowohl in Amsterdam als auch bei uns zu sehen sein wird und Van Gogh und seine internationalen Einflüsse zeigt. Das wird vielleicht doch ein Blockbuster. Und es wird im Herbst 2020 eine große Barockausstellung zum Wiener Aufbruch nach dem 30-jährigen Krieg geben. Bereits nächstes Jahr wird sich Johanna Kandl in der Orangerie mit den Farben der Malerei auseinandersetzen – und dazu ökonomische, soziale und politische Gegebenheiten ihrer Herstellung erzählen. Im Iran gibt es eine Insel, wo rotes Pigment gewonnen wird. Dort ist alles rot, sogar die Menschen. Was visuell fantastisch ist, hat andererseits sehr harte ökonomische und soziale Hintergründe.

Wie ist denn das Belvedere finanziell aufgestellt?

Das Belvedere hat die beste Eigenfinanzierungsquote der Museen, aber prinzipiell müssen sich die Bundesmuseen gemeinsam dafür einsetzen, dass die Basisfinanzierung immer der Inflation angepasst wird, weil sonst auf Dauer die Aufgaben nicht erfüllt werden können.

Wenn Kulturminister Blümel übers Kulturbudget redet, sagt er, er will dafür kämpfen, eine Kürzung zu verhindern. Klingt nicht nach einer Aufstockung.

Das stimmt. Ich bin froh, wenn er es nicht kürzen möchte. Das ändert aber nichts daran, dass wir für die Zukunft eine Valorisierung anstreben müssen.

Dabei wird das Belvedere wohl Extramittel brauchen, um den Brandschutz auf Vordermann zu bringen.

Wir müssen handeln, und wir sind in der guten Lage, einfach loslegen zu können, ohne kurzfristig auf eine Sonderfinanzierung angewiesen zu sein. Da wir die Probleme schon seit Ende letzten Jahres kennen, konnten wir in der Budgetvorlage darauf Rücksicht nehmen. Bezüglich Brandschutz sind wir gerade dabei, die einzelnen Maßnahmen schrittweise umzusetzen, gemeinsam mit Brandschutzexperten, Bundesdenkmalamt, Baupolizei und Burghauptmannschaft.

Wie lang wird es denn dauern, bis das am Stand ist? Ein Jahr? Fünf Jahre?

Die akuten Dinge werden zeitnah umgesetzt. Dort wo wir von Genehmigungsverfahren abhängig sind, können wir den Zeitplan nicht bestimmen.

Zu einer anderen heißen Diskussion: Fürchten Sie Touristenschwund, wenn im berühmten Canalettoblick vom Belvedere aus ein Hochhaus steht?

Ich bin grundsätzlich gegen Verhindern. Ich glaube, dass Wien es aushält, dass vielleicht ein Gebäude nicht so schön ist. Die Stadt verändert sich ständig. Das Loos-Haus hat auch einmal als scheußlich gegolten. Meine ganz persönliche Meinung: Ich würde damit leben können.

Rund um den "Kuss": Neu gehängte Schausammlung

Es riecht gut im Belvedere; wenn man aber weiß, warum, saugt man vielleicht ein bisschen zögerlicher den Weihrauchduft ein: Gleich rechts beim Haupteingang steht Ines Doujaks gar nicht göttliche "Hera". Sie zupft sich Haare aus – und lässt dabei einen fahren. Ja, daher kommt der Duft.

Das zeitgenössische Werk ist ein Akzent in der neu gehängten Schausammlung des Belvedere. Die Neuhängung soll (aufgefrischt, herausgeputzt und neu geordnet) den Besuchern den Weg erleichtern und ihre wichtigste Station, Klimts "Kuss", neu kontextualisieren.

Die Schau im Oberen Belvedere soll gleichermaßen den Wiener, der den Weg mal wieder ins Belvedere gefunden hat, wie den asiatischen Touristen interessieren. "Die sind gar nicht so unterschiedlich", sagt Rollig. "Der asiatische Tourist – mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Korea – weiß in den allermeisten Fällen von Österreich sehr wenig. Und der Wiener war typischerweise seit Jahrzehnten schon nicht mehr hier." Nun begegnen ihnen etwa links vom Haupteingang, hinter dem Shop (Klimt! Klimt!), zwei Räume, die das Schloss selbst erläutern: Warum hier eigentlich ein Museum ist, wird ebenso verdeutlicht, wie die historischen Ereignisse (Staatsvertrag), die mit dem Belvedere verbunden sind. Und auch die Raubkunst-Fragen finden hier Platz. Im ersten und zweiten Stock gibt es die neu gestaltete Schau – mit mehr Information, mehr Orientierung – und neuen Blickwinkeln. Themenräume unterbrechen den chronologischen Parcours, etwa zur Frage, wie viel Barockmensch noch im Österreicher ist, oder auch – ein berührender Ausklang – zu den vertriebenen und ermordeten Künstlern aus der Sammlung des Belvedere.

Und, ja, "Der Kuss" steht jetzt am gegenüberliegenden Ende des Schlosses, und kommt dort – umgeben von u. a. Gerstls "Schwestern Fey" – besser zur Geltung.

Der Kuss wird umgehängt…
Der Kuss wird umgehängt © Bild: Belvedere Wien
( kurier.at ) Erstellt am 02.03.2018