Kultur
19.12.2017

Belvedere: Künstlerin setzt sich zur Wehr

Friederike Pezold ist erbost über die neue Leitung der Österreichischen Galerie und deren Klage.

Im Zuge der massiven Vorwürfe an Agnes Husslein-Arco, Direktorin des Belvederes bis Ende 2016, führte die neue Leitung auch ein Kunstwerk ins Treffen. Zunächst, am 2. Dezember, berichtete die Presse, Husslein habe "um 100.000 Euro ein Bild gekauft, das dann aber nie geliefert wurde". Das Museum versuche, den Kauf rückgängig zu machen; im Falle einer Undurchsetzbarkeit der Rückzahlung wolle "das Belvedere eine Ersatzzahlung dieser in grob fahrlässiger Weise veranlassten Überweisung einfordern".

Zwei Tage später, am 4. Dezember, übermittelte die Geschäftsführung der APA eine Stellungnahme. Man wurde konkreter: Im Dezember 2016 sei "ein Kunstwerk um Euro 100.000 angekauft und bezahlt" worden. Der "Verkäufer" habe in der Folge mitgeteilt, "dass das Werk nicht lieferbar" sei. Das Museum sei daher "vom Kaufvertrag zurückgetreten" und habe, nachdem "trotz Aufforderung keine Rückzahlung erfolgte, den Kaufpreis beim Verkäufer eingeklagt".

Der KURIER ging der Sache nach: Er richtete ein Fragenkonvolut an Direktorin Stella Rollig und Geschäftsführer Wolfgang Bergmann, er sprach mit Agnes Husslein und deren Vizedirektor Alfred Weidinger. Und er kontaktierte den "Verkäufer", der das "Bild" nicht geliefert hat. Im Zuge der Recherchen stellte sich manches anders heraus als bisher dargestellt.

Dies beginnt schon damit, dass es keinen "Verkäufer" gibt. Stella Rollig nimmt seit Jahren eine feministische Position ein, sie präsentierte immer wieder Künstlerinnen – und sie achtet sehr auf das Gendern. Umso überraschender ist, dass sie eine Frau, konkret Friederike Pezold, als "Verkäufer" bezeichnet.

Maß aller Dinge

Pezold, 1945 in Wien geboren, spielt in der öffentlichen Wahrnehmung keine große Rolle. Doch ihre Verdienste – gerade für die feministische Kunst – sind unbestritten.

Sie begann bereits 1969, sich mit dem Thema "Der weibliche Körper als das Maß aller Dinge" auseinanderzusetzen. 1971 lernte sie das damals revolutionäre Medium Video kennen – und setzte es sogleich für ihre Arbeit ein, darunter "Das gleichschenkelige Dreieck" und "Neue Brustbilder". 1975 erwarb das Mumok eine Fotoserie zu "Scham Werk".

Bereits zuvor, im Oktober 1974, stellten Richard Kriesche und Horst Gerhard Haberl eine Ausgabe der Zeitschrift Pfirsich unter das Motto "Kunst als Lebensritual": Sie präsentierten u.a. Vito Acconci, John Baldessari, Chris Burden, Les Levine, Dennis Oppenheim – und Friederike Pezold. Ein Jahr später widmeten sie der Video- und Performance-Künstlerin sogar ein komplettes Heft. Es gehe ihr, schrieb Pezold, immer um eine neue Sehweise der Dinge: "Als Frau interessiert mich besonders die Selbstdarstellung der Frau als ein Geschlecht, das sich bisher noch nicht selbst dargestellt hat, und das sich selbst so darstellen wird, wie es noch keiner gesehen hat."

Die Vorreiterin feierte international große Erfolge: 1976 wurde sie im Museum of Modern Art in New York präsentiert, 1977 zur Documenta 6 nach Kassel eingeladen, 1984 nahm sie an der Biennale Venedig teil u.s.w.

Alfred Weidinger, Chefkurator des Belvederes, zeigte 2014 im 21er Haus eine Retrospektive über den Videopionier Peter Weibel; in der Folge wollte er eine Ausstellung über Pezold zusammenstellen. Husslein akzeptierte den Vorschlag. Pezold zu würdigen war hoch an der Zeit: "Sie war in den 70er-Jahren sicher wichtiger als Valie Export", so Weidinger.

Die Idee war, die Retrospektive mit Pezold zu entwickeln, was sich aber als nicht so einfach herausstellte. Denn die Künstlerin wollte nur ihre jüngsten Arbeiten ausgestellt wissen, Weidinger hingegen bestand auch auf dem Frühwerk. Das Projekt drohte zu scheitern. Und so sprang Husslein ein: Sie traf die nicht ganz unkomplizierte Künstlerin in Salzburg – und war von deren Werk hingerissen. Auch im Hinblick auf die Ausstellung, die im November 2017 stattfinden sollte, entschloss sich die Direktorin, eine zentrale Videoinstallation für die Österreichische Galerie zu erwerben. Man einigte sich auf "Die erste elektronische Venus der Welt im Pelz". Harald Szeemann hatte die Arbeit 1996 in seiner legendären Ausstellung "Austria im Rosennetz" gezeigt.

Pezold verlangte einen sechsstelligen Betrag – und akzeptierte schließlich zähneknirschend die von Husslein angebotenen 100.000 Euro. Diesen Betrag durfte die Direktorin ohne vorherige Zustimmung des Kuratoriums ausgeben. Und so unterschrieb sie Mitte Dezember 2016, kurz vor Ende ihrer Amtszeit, den Kaufvertrag. Überwiesen wurde die Summe erst im Jänner 2017.

Bei der Jahrespressekonferenz vor zwei Wochen sagte Rollig, es sei "sehr unüblich, dass man ein Kunstwerk bezahlt, bevor es geliefert wurde". Weidinger kontert, dass dies überhaupt nicht unüblich sei. Denn sehr oft hätten Künstler keine Versicherung. "Nach dem Ankauf hingegen ist das Kunstwerk über das Museum mitversichert. Das kann für den Transport wichtig sein. Und: Kein Auktionshaus liefert vor Bezahlung!"

Kaufpreis drücken

Bergmann beanstandete nach Übernahme der Geschäfte den bezahlten Preis. Auch gegenüber dem KURIER hielt er die Höhe für nicht gerechtfertigt. Die Summe, die er für angemessen hielt, wollte er aber auch auf schriftliche Nachfrage nicht beantworten: Eine persönliche Einschätzung spiele keine Rolle; bei einem Erwerb könne es nur um den Marktwert gehen. Doch Pezold hat – ungeachtet ihrer Wichtigkeit – keinen Marktpreis. Denn sie schuf nicht marktkonforme Kunst. Husslein, die viele Jahre für Sotheby’s gearbeitet hat, sagt: "Wenn ich etwas kann, dann den Wert von Werken taxieren. Auch 200.000 Euro wären gerechtfertigt." Bergmann hingegen versuchte, so Pezold im Gespräch mit dem KURIER, "den Kaufpreis zu drücken". Sie fühlte sich "von diesem Buchhalter brutal unter Druck" gesetzt.

Mittlerweile, im Frühjahr 2017, war klar, dass Weidinger als Direktor nach Leipzig gehen würde. Er übergab das Projekt daher Rollig. Und die Direktorin besuchte Pezold in Salzburg – am 26. Mai, so die Künstlerin. Die Frauen dürften sich gut verstanden haben. Und Rollig habe auch Verständnis gezeigt für die missliche Lage, in der sich Pezold befand.

Dazu muss man etwas ausholen: 2015 gab es einen Wassereinbruch in deren Pariser Atelier. Bei der ersten Besichtigung schien die dort gelagerte Videoinstallation keinen Schaden genommen zu haben. Erst viel später fiel ihr auf, dass die uralten Tapes stellenweise verklebt waren. Da sie, so Pezold, "niemanden bescheißen" will, machte sie Husslein darauf aufmerksam. Auf die Frage, ob der Schaden repariert werden könne, habe sie gesagt, es versuchen zu wollen; zur Sicherheit sei im Vertrag eine zweite Version als Alternative angeführt worden.

Beim Besuch von Rollig sei das (positive) Ergebnis noch nicht festgestanden, aber die neue Direktorin sei ohnedies mit einer anderen Arbeit als Ersatz einverstanden, ja "sehr glücklich" gewesen. Doch Pezold war mit den Nerven fertig: Sie erbat eine Auszeit; danach werde sie verlässlich liefern. "Es wurde keine Frist gesetzt."

Und plötzlich, "ohne Vorwarnung", sei sie, sagt Pezold, geklagt worden. Die Geschäftsführung stellt es so dar: "Die Künstlerin wurde mit einem Schreiben vom 24. Juli zur Rückzahlung des Betrags aufgefordert. Da die gesetzte Frist ohne Rückzahlung verstrich, wurde eine Klage gegen sie eingebracht." Und: "Das Scheitern des Ankaufs ist nicht vom Museum verschuldet. Aus diesem Grund möchte das Belvedere nicht ein anderes Werk zu einem vorgegebenen Preis erwerben müssen."

Die Künstlerin findet die Vorgangsweise indiskutabel und beschämend. Sie habe, sagt Pezold, mit einer Gegenklage geantwortet: "Ich will Schadensersatz für all das, was man mir angetan hat. Ich lasse mir meine Gesundheit nicht von einer derart inkompetenten Leitung vernichten." Laut Geschäftsführung wurde die Retrospektive nur verschoben – und nicht abgesagt. Wenn man Pezold reden hört, glaubt man nicht mehr an ein Zustandekommen der Schau. Tief verletzt sagt die hoch sensible Künstlerin: "Das Museum bekommt von mir nicht einmal einen Schmierzettel mehr!"