Bachmann-Preis: Wrabetz' Ankündigung sorgt für Verwirrung

Bachmann-Preis: Wrabetz' Ankündigung sorgt für Verwirrung
Stadt Klagenfurt und Sponsoren sagen, sie wurden nicht über Entscheidung informiert. Juroren verfassten Offenen Brief.

Für Verwirrung hat die Ankündigung von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz gesorgt, dass das Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in diesem Jahr doch stattfinden soll, und zwar als digitale Veranstaltung. Die Stadt Klagenfurt, Mitveranstalter und Stifter des Hauptpreises, wurde über die Entscheidung ebenso wenig informiert wie die Sponsoren.

„Mit uns hat niemand gesprochen, wir werden vor vollendete Tatsachen gestellt“, sagte Klagenfurts Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz (SPÖ) am Dienstag gegenüber der APA. Diese Entscheidung des ORF sei zwar aufgrund der Umstände nachvollziehbar, meinte die Bürgermeisterin, allerdings müsse dies eine einmalige Ausnahme bleiben: „Der Bachmann-Preis ist eine kulturelle Besonderheit, so etwas gibt es im ganzen deutschsprachigen Raum nicht, das muss unbedingt bewahrt werden. Ansonsten haben wir einen beliebig austauschbaren Literaturpreis.“

Preisgeld wird zur Verfügung gestellt

Die Stadt werde das Preisgeld von 25.000 Euro natürlich zur Verfügung stellen, betonte Mathiaschitz, doch der Wettbewerb „kann und darf auf keinen Fall durch eine digitale Version ersetzt werden“. Die Gewährleistung des Veranstalters, den Bewerb bereits 2021 wieder in seiner gewohnten Form auszurichten, müsse gesichert sein.

Das besondere Flair des Literaturwettbewerbes in Klagenfurt, die Möglichkeit für junge Literatinnen und Literaten mit Verlegern und Lektoren ins Gespräch zu kommen, das Erlebnis der Live-Lesungen in der Literaturarena, das Literatur Public Viewing im Lendhafen und vieles mehr könne eine digitale Version des Bachmann-Bewerbes nie vermitteln.

Juryvorsitzender Hubert Winkels sieht das Ausweichen auf eine digitale Version als gute Möglichkeit, „wenn es gelingt, dies technisch sauber und mit einer gescheiten Dramaturgie hinzubekommen“. Doch auch er warnt davor, die Veranstaltung auf Dauer in den digitalen Bereich zu verlegen: „Die zentrale Frage dabei bezieht sich auf die Zukunft des Bewerbs. Es sollte ausgeschlossen werden, dass nach einer wie auch immer gelungenen Online-Darstellung des Bewerbs 2020 dieser künftig nicht mehr ins TV, nicht mehr zur vollen 3sat-Ausstrahlung käme.“

Eine digitale Version im „Ausnahmejahr 2020“ könne man machen, wenn es den Wettbewerb im kommenden Jahr wieder „in bewährter Manier“ gebe.

"Mit uns hat niemand gesprochen"

Beim Kärntner Energieversorger Kelag, der in den vergangenen Jahren stets 10.000 Euro Preisgeld gestiftet hat, zeigte man sich überrascht über die Ankündigung des digitalen Wettlesens. „Mit uns hat niemand gesprochen, wir kennen kein Konzept, daher können wir über eine Preisdotierung derzeit gar nichts sagen“, erklärte ein Unternehmenssprecher auf APA-Anfrage. Wenn der Wettbewerb 2021 wieder in gewohnter Form in Klagenfurt stattfinde, sei man aber gerne wieder mit an Bord.

Von der BKS-Bank, in den vergangenen Jahren Stifterin des Publikumspreises, gab es vorerst keine Auskunft. Offen ist auch noch die Frage, ob und in welcher Form der TV-Sender 3sat mit an Bord sein wird. Laut den Statuten des Wettbewerbes müsste die Veranstaltung eigentlich in Klagenfurt stattfinden.

Bachmann-Preis: Wrabetz' Ankündigung sorgt für Verwirrung

Offener Brief an Wrabetz: "Notlösung"

Die Jury der Tage der deutschsprachigen Literatur (TddL) hat sich am Dienstag in einem Offenen Brief an ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz gewandt. Die Juroren begrüßen darin die Durchführung einer digitalen Variante des Bachmann-Wettbewerbs, aber nur unter der Bedingung, dass es eine TV-Übertragung via 3sat gibt. Zudem dürfe es sich nur um eine einmalige „Notlösung“ handeln.

In dem Brief heißt es wörtlich: „Wir möchten klarstellen, dass die Jury sich nie gegen die Absage der TddL-Publikumsveranstaltung in diesem Jahr ausgesprochen hatte. Die halten wir in der Tat für eine vernünftige, verantwortungsbewusste und notwendige Maßnahme. Was uns wichtig ist, zumal wir von der Entscheidung erst im Nachhinein informiert wurden: perspektivisch anzumahnen, dass gerade in dieser Extremsituation so wichtige Ereignisse wie die TddL eine enorme Bedeutung haben. In Klagenfurt ist dem Landesstudio, der Stadt und den Partnern etwas Besonderes gelungen: Eine Tradition aufrecht zu erhalten, die ohne Verwässerung auf das Literaturpublikum zielt, und außerdem ein Paradebeispiel öffentlicher Meinungsbildung zu etablieren, und zwar im Zusammenspiel der dafür maßgeblichen Instanzen Text, Fach-Jury, Publikum und dem versammelten Kreis weiterer Fachleute. Diese Konstellation macht die Spezifik der TddL aus und sichert den Veranstaltern im gesamten deutschsprachigen Raum größte Anerkennung.“

"Klagenfurt-Gefühl" sei nicht ersetzbar

Dies sei einzigartig in der Welt, hierin pflichte man der Landesdirektorin des ORF-Kärnten Karin Bernhard bei. Das „Klagenfurt-Gefühl“ sei nicht ersetzbar. „Insofern kann es sich 2020 nur um eine Notlösung handeln. Wir sind sehr froh, dass Sie sich um eine solche bemühen wollen und dass dem Landesstudio dafür infrastrukturelle Hilfe zugesagt wurde.“

Man wolle Karin Bernhard in folgenden Punkten unterstützen: Der Wettbewerb müsse 2021 und für die Zukunft in der klassischen Form garantiert werden. Eine rein digitale Lösung reiche für 2020 nicht aus. Es muss eine Übertragung im Fernsehen gewährleistet sein und es müssen damit die dafür vorgesehenen Fernsehslots auf 3sat bespielt werden. Dies auch als Zeichen der Wertschätzung und gesellschaftlichen Bedeutung von Kultur und Literatur. Dazu fordern die Juroren, dass die Struktur und Akteure sowie die Ernsthaftigkeit des Bewerbs gewahrt bleiben müssten.

Und weiter: „Die Stadt Klagenfurt sowie die langjährigen Partnerinstitutionen und Preisstifter müssen einbezogen werden und das Landesstudio mit seiner langjährigen Erfahrung muss die Oberhoheit über den Bewerb behalten. Die Kooperationspartner und die Zentrale sollen in diesem Jahr das Landesstudio infrastrukturell unterstützen, aber die programmatische Kompetenz respektieren. Als Jury wünschen wir uns, in die weiteren Prozesse rechtzeitig einbezogen zu werden, und stellen unsere Kompetenzen gern zur Verfügung, um rasch ein Konzept zu entwickeln, dass das Landesstudio dann auf seine Umsetzbarkeit prüfen kann.“

Unterzeichnet ist der Brief von der gesamten Jury, also Nora Gomringer, Klaus Kastberger, Brigitte Schwens-Harrant, Philipp Tingler, Michael Wiederstein, Insa Wilke und Hubert Winkels.
 

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