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Kultur
06/29/2019

Bachmann-Preis, Tag 3: „Obszön“, „Frechheit“ und „tja“

Zum Abschluss des Klagenfurter Wettlesens gab es heftige Debatten in der Jury.

von Guido Tartarotti

Den dritten und letzten Tag des Klagenfurter Bachmannpreis-Wettlesens – eher weniger  bekannt als „Tage der deutschsprachigen Literatur“ – eröffnete die Wiener Autorin, Bildhauerin und Tänzerin Ines Birkhan. Ihre märchenhafte Erzählung schildert, wie sich eine Frau beim Tätowieren an die ihre Haut überwuchernde Unterwasserwelt verliert.

Jurorin Inse Wilke urteilte: „Tja.“ Der Text habe sich ihr nicht erschlossen. Hubert Winkels lobte den „Reiz der Fachsprache, wenn man gar nichts versteht“. Nora Gomringer nannte die Geschichte  „ein fast halluzinatorisches Unterwasser-Szenario“ und fand sie „charmant“. Hildegard Keller zog Vergleiche zu Walt Disney und meinte: „Mir ist die Dringlichkeit nicht einsichtig.“ Stefan Gmünder lobte, der Texte mache „einen riesigen Raum auf“.

Klaus Kastberger fand es spannend, „dass ich  nicht mehr weiß, wo ich bin“. (Kastberger stichelte auch gegenüber seiner Kollegin Insa Wilke und meinte, diese brauche einfach mehr Handlung. Deren Reaktion: „Voll die Frechheit!“ Außerdem geriet er mit Jury-Vorsitzenden Hubert Winkels aneinander, der sich Unterbrechungen streng verbat.)

Am Ende kam es – und das ist inzwischen sehr selten in Klagenfurt – zu einer Debatte mit der Autorin. Diese kritisierte, die Jury habe ihre „durchgeknetete Montage-Technik“ zu wenig erkannt und gewürdigt.

Fliegenfischen

Es folge der österreichische Autor Leander Fischer mit einem virtuos-sprachverspielten Text über einen genervten Musiklehrer, der sich an die obsessive Kunst des Fliegenfischen-Köder-Knüpfens verliert.

Michael Wiederstein fand den Text so gut, dass er selbst Lust aufs Fliegenfischen bekam. Insa Wilke sagte begeistert: „Dieser Text knüpft selbst eine Goldkopfnymphe. Es entsteht Musik in diesem Text.“ Klaus Kastberger fühlte sich an Stifter erinnert und urteilte über den Text: „Ein Vergnügen, ihn zu lesen!“ Hildegard Keller nannte den Text „virtuos gemacht“ und urteilte: „Ein Text über Miniatur-Kunstwerke und selbst ein Miniatur-Kunstwerk.“

Nach der Mittagspause setzte der „Halbkärntner“ (Eigendefinition)Lukas Meschik mit einem tragisch-komischen Nachruf auf einen Vater fort. Damit stieß er auf viel Kritik bei der Jury. Hubert Winkels sah den Text als „Traueranzeige“, die über „allgemeine Charakterisierungen“ nicht hinausgehe. Hildegard Keller sagte: „Das Thema macht es schwer, etwas Böses zu sagen, aber ich tue es trotzdem. Der Text behauptet alles weg.“

Stefan Gmünder dagegen stellte sich „gegen den Klagenfurter Literatur-Gerichtshof“ und lobte „das große Wagnis der Empfindung“. Auch Nora Gomringer lobte die Geschichte  und nannte sie „einen Text der Autorenwerdung“. Klaus Kastberger fand die Vaterfigur zu nett, nannte den Text „energielos“ und meinte: „Ich würde mir einen Sohn wünschen, der so über mich spricht.“

Klaus Kastberger fasste die sehr lange Debatte mit dem schönen Satz zusammen: „Je länger die Jury-Diskussion, desto komplexer wird der Text.“ (Er fand ihn dennoch zu simpel.)


Empörte Jury

Zum Abschluss der Bewerbs las der Autor und Dozent für kreatives Schreiben und Storytelling aus Bamberg, Martin Beyer. Seine Erzählung – eine Schilderung der Hinrichtung der Mitglieder der „Weißen Rose“ aus der Perspektive eines Henkers-Gehilfen – sorgte beim Großteil der Jury für Empörung.

Hubert Winkels nannte den Text „obszön“ und „schwer auszuhalten“: „Der Krieg und der Tod dreier Menschen wird klischeehaft verarbeitet, um Effekte zu erzielen – ein Text, der so nicht geschrieben werden darf!“ Klaus Kastberger sah das ähnlich: „Der Text profitiert in unerträglicher Weise vom Leid der Opfer. Er beraubt die drei Mitglieder der Weißen Rose der Würde ihrer letzten Minute.“

Michael Widerstein widersprach: „Der Text geht hoch redlich mit der Sache um.“ Er  behandle die Banalität des Bösen – „Hannah Arendt in a nutshell.“

Preisvergabe

Am Sonntag Vormittag werden aus den 14 Autoren und Autorinnen sieben für eine Shortlist ausgewählt, unter ihnen werden schließlich die verschiedenen Preise vergeben. 3sat überträgt wieder live.