Bachler: "Österreicher sind hochbegabt. Auch zum Verrat"

Bayerische Staatsoper, Bachler
Foto: Bayerische Staatsoper, dpa, markus Jans Bachlers Maxime für München: "Der zeitgenössische theatralische Anspruch ist keine Zumutung, sondern künstlerische Notwendigkeit"

Nikolaus Bachler, der Chef der Münchener Oper, über Problemzonen in Wien. Und darüber, wofür er sich als Österreicher schämt.

Die Bayerische Staatsoper hat, rechtzeitig vor dem Wagner-Jahr 2013 (200. Geburtstag des Komponisten, Anm.), szenisch den weltweit attraktivsten "Ring des Nibelungen" im Repertoire. Verantwortlich dafür ist – neben Regisseur Andreas Kriegenburg – Staatsintendant Nikolaus Bachler, ein gebürtiger Österreicher, der zehn Jahre lang das Wiener Burgtheater, davor die Wiener Festwochen und die Volksoper geleitet hatte.

Im Interview mit dem KURIER vergleicht Bachler die Kulturstädte München und Wien – und kommt dabei zu einer für Österreich erschreckenden Diagnose.

KURIER: Wie fühlt es sich an, durch das "Ring"-Tal gegangen zu sein?

Nikolaus Bachler:Am glücklichsten bin ich darüber, dass das Wagnis, in nur einem halben Jahr den gesamten "Ring" neu zu produzieren, so wunderbar aufgegangen ist. Das ganze Haus war in dieser Zeit völlig im Banne Wagners und seiner Tetralogie. Das kommt dem maßlosen Grundansatz Wagners sehr nahe. Und daraus ergaben sich all die Projekte "Rund um den Ring". Eine unglaubliche Erfahrung.

Gute Sänger, aber auch ein szenischer Anspruch – ist das Ihre Maxime für Deutschlands größtes Opernhaus?

Auf alle Fälle. Es ist ja so: Viele Musiktheater, vor allem in Deutschland, Belgien, Holland haben durchaus den Anspruch, Werke heutig zu interpretieren. Aber sie haben oft nicht die musikalischen Möglichkeiten der großen Häuser. Die zentralen Opernhäuser der Weltmetropolen wiederum haben die ersten Orchester und Sänger, aber meist reaktionär inhaltslose Inszenierungen. Ich glaube, es gibt im Moment kein Haus auf der Welt, das so wie München versucht, beides zu verbinden. Der zeitgenössische theatralische Anspruch ist ja keine Zumutung, sondern künstlerische Notwendigkeit.

Ihr Vertrag an der Bayerischen Staatsoper läuft bis 2018. Nebenan leitet Martin Kušej das Residenztheater. Im Gärtnerplatztheater haben Sie mit Josef E. Köpplinger noch einen österreichischen Kollegen bekommen. Ist München für österreichische Theatermacher attraktiver als Wien?

München ist für alle Theatermacher eine sehr, sehr attraktive Stadt. Das hängt zum einen mit der Überschaubarkeit der Stadt zusammen, in der die Kunst generell einen zentralen Stellenwert hat. Das wird von der Politik und den Bürgern fraglos gestützt. Das Wichtigste aber: München ist vorwärts gerichtet. Die Liebe zur Vergangenheit, die wir aus Wien so gut kennen, gibt’s hier nicht. In München gibt es eine Liebe zur Gegenwart, eine große Offenheit, aber auch gute, lebendige Reibung.

Ist das Publikum also in München mehr bereit als in Wien, neue Wege mitzugehen?

In gewisser Hinsicht hat das Publikum in München mehr erlebt und gesehen. Es gibt auch keine Stadt auf der Welt mit drei solchen Spitzenorchestern und Weltklasse-Chefdirigenten. Ich mag den Ausdruck Residenzstadt, er hat etwas weltdörfliches, mediterranes. Der konkreteste Unterschied in der Kultur zu Wien ist: Es gibt in München eine starke Kulturszene, der es um die Sache geht und nicht um Tratsch und Stimmungen. Und schon gar nicht um Stammtisch-Kulturpolitik. Ich nehme hier keinen beschränkten Horizont wahr. Die Medien können hier nicht eine Weltbedeutung ausrufen, dazu ist die Konkurrenz allerorten zu groß. Weltberühmt in Wien reicht oft nur bis Purkersdorf. Wien hat wunderbare Seiten und fantastische Institutionen. Aber wie sie gelebt werden, ist eine andere Sache.

Haben Sie das Gefühl, dass es in Wien zurzeit nicht ausreichend gelebt wird?

Ich sehe in Wien kaum etwas und kann also nichts mit Beispielen belegen. Was ich sagen kann: Man hört hier in Deutschland kaum mehr etwas von Wien. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Sie haben aber zuletzt nicht mit Kritik, etwa an Ihrem Nachfolger am Burgtheater, Matthias Hartmann, gespart ...

Man muss immer sehr vorsichtig sein. Kritik ist da der falsche Ausdruck. Ich habe nur gesagt, dass ich finde, dass eine Boulevardisierung stattfindet. Das Burgtheater und die Josefstadt sind einander nähergekommen. Aber wie gesagt: Ich nehme hier kaum etwas wahr. Es gibt keine Opernpremiere, wo ich sage: Jetzt muss man nach Wien fahren. Es pulsiert nichts.

Haben Sie wahrgenommen, was rund um die Wiener Festwochen passiert ist, die Sie ja auch geleitet haben? Die Bestellung von Markus Hinterhäuser zum Intendanten? Und den Rückzug von Shermin Langhoff, die als Theaterchefin antreten sollte, aber lieber in Berlin bleibt, weshalb nun Frie Leysen von Hinterhäuser engagiert wurde?

Die Projekte der Wiener Festwochen sind oft immer noch spannend. Aber die Fragen "Was ist dieses Festival?", "Wo ist es verankert?", "Wie steht es zur Theaterlandschaft Wiens?" bleiben die gleichen. Markus Hinterhäuser ist ein begabter, ausgewiesener Konzertfachmann. Aber das spielt zum Beispiel bei den Festwochen durch Musikverein und Konzerthaus in der Programmierung kaum eine Rolle. Die alten Herzogtümer haben in Wien Tradition.

 Es gibt in Wien offenbar einen starken kulturpolitischen Einfluss der Grünen, die das postmigrantische Theater einfordern, was immer das auch sein mag. Das war auch der Auftrag an Shermin Langhoff.

Parteien fordern eine bestimmte Kunst! Klingt nach Stalinismus. Instrumentalisierte Kultur! Das geht ja gar nicht.

Was vermissen Sie an Österreich?

Man merkt, wenn man ins Ausland geht, wie sehr man Österreicher ist. An den Gefühlen. An den Sentimentalitäten. Ich vermisse ganz besonders die Sprache und ihre Färbung. Wenn man allerdings näher hinschaut, denkt man sich: Das ist ein Schurkenstaat der dritten Welt und nicht ein zivilisiertes westeuropäisches Land. Ich habe das Gefühl: Die meistbeschäftigten Leute in Österreich sind Staatsanwälte und Untersuchungsrichter. Man fragt sich: Wer ist denn überhaupt noch nicht involviert in irgendwelche Machenschaften?

Ihr neuer Kollege in Klagenfurt, Florian Scholz, der bei Ihnen in München gelernt hat, meinte zuletzt in einem KURIER-Interview: Kärnten sei kein Sonderfall. Teilen Sie diese Ansicht?

Selbstverständlich. Die Kärntner Politiker sind wie die österreichischen Politiker und umgekehrt. Die ganze braune Spur geht vielleicht von dort aus, zieht sich aber quer durch das ganze Land. Wenn ich nur den letzten Fall dieser Karikatur von Herrn Strache nehme: Das ist so etwas von unappetitlich. Und das sind Menschen, die im Parlament meines Landes sitzen. Da wird einem schlecht.

Es heißt immer: In Deutschland gebe es eine andere Rücktrittskultur.

Auf alle Fälle. Was mir an Bayern sofort aufgefallen ist: Dieser ganze Rassismus, an den man sich so gewöhnt in Österreich, diese Plakate, diese Sprüche, all das existiert hier nicht. Schon Franz-Joseph Strauß hat gesagt: Rechts von der CSU darf es nichts geben. Das haben sie auch eingelöst. Ich glaube, dass die Deutschen durch die Katastrophe des Dritten Reiches einen wirklichen Schritt gemacht und Demokratie gelernt haben. Die Österreicher haben die Katastrophe verdrängt. Sie waren die ersten Besetzten. Das zieht sich so weiter. Die Österreicher sind ein hochbegabtes Volk. Aber sie sind halt hochbegabt zu allem. Auch zum Verrat, zur Schwindelei. Ich bin aber heute nicht mehr so, dass ich sage: Es ist alles furchtbar in Österreich. Es ist eher so, dass ich mich schäme.

Am Wiener Burgtheater, das Sie lange geleitet haben, finden immer öfter Veranstaltungen statt, die man dort nicht erwartet: Kabarett-Abende, Popkonzerte, Red-Bull-Tänzer treten auf. Man hat den Eindruck, dass ein Haus alles tut, um die Einnahmen zu maximieren. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ich muss sagen, ich weiß das alles gar nicht. Die künstlerische Verantwortung erweist sich immer am Abend, daher würde ich keine Red-Bull-Truppe auftreten lassen. Es ist aber schon so, und da nehme ich mich gar nicht aus: Kunst ist heute mehr und mehr Wirtschaft, Geld, Bilanz. Alle reden nur über Zahlen statt über Kunst. Das Unternehmerische ist doch nur das Fundament, aber nicht der Kern! Da muss man gegensteuern. Alle Eröffnungs- und Grätzelfeste zählen heute schon zu den Auslastungszahlen. Bald sind wir so weit: Wer am Festspielhaus vorbeigeht, der zählt auch zur Auslastung.

Wenn man schon in München nichts von Wien hört – von den Salzburger Festspielen hört man bestimmt viel. Der dortige Intendant Alexander Pereira hat ganz heftig am Lautstärkenregler gedreht. Wie interpretieren Sie diesen Zugang?

Pereira ist authentisch. Er macht das, woran er glaubt. Das weiß man, das kennt man. Da hat mich nichts überrascht. Dass ich ein anderes Kunstbild habe, ist klar. Größer, höher, weiter, schneller – das interessiert mich nicht. Ich bin doch kein Wirtschafts- oder Sportmanager. Worüber ich aber verblüfft war: Dass von Salzburg aus nun das Ende des Regietheaters verkündet wurde. Aha! Und was kommt jetzt? Die konzertante Oper in Kostüm und Maske? Peter Stein? Harry Kupfer? Das Heil in der Vergangenheit? Das ist doch einfach nur dumm. Weil bestimmte Inszenierungen nicht auf die Höhe des Werkes kommen, verzichtet man auf Regie? Dirigenten und Regisseure sind doch das Medium, die Welt auf der Bühne zu erzählen. Das geht nur im Heute. Sonst wird Oper doch sinnlos. Man tut so, als wäre Regie eine Epoche wie das Barock, und die ist jetzt vorbei. Und jetzt die Renaissance!

In Wien hat man aber auch das Gefühl, dass an der Oper auf theatralische Aspekte zugunsten der Musik verzichtet wird.

Das ist der größte Irrtum. Man sieht gerade in Italien, wie die Oper stirbt, weil es seit Jahrzehnten keinen theatralischen Anspruch mehr gibt.

Warum ist die Regie eigentlich so ein wichtiges Thema?

Weil die Leute von Musik viel weniger verstehen als vom Spiel. Peter Stein und Frank Castorf sind nicht so weit von einander entfernt wie Pierre Boulez und Christian Thielemann. Nur davon verstehen die meisten nichts.

Castorf wird in Bayreuth 2013 den Jubiläums-"Ring" inszenieren. Sie kennen Ihn von einigen Zusammenarbeiten – glauben Sie, dass er das schafft?

Ich glaube ja. Castorf ist ja ein Theaterpraktiker, und zwar kein zimperlicher. Von der Logistik ist er ein guter Organisierer.

Was werden Sie selbst in München im Wagner- und Verdi-Jahr (ebenfalls 200. Geburtstag, Anm.) machen?

Wir spielen bei den Festspielen nur Wagner und Verdi, dazu Uraufführungen. Und wir zeigen bis auf die "Meistersinger", die schon lange abgespielt sind, alle Wagner-Werke aus dem Bayreuther Kanon. In dieser Spielzeit haben wir drei Verdi-Premieren: "Rigoletto", "Simon Boccanegra" und "Troubadour" mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros. Beide singen diese Rollen hier zum ersten Mal. Wir sind aber gerade in der Probenarbeit für die erste Premiere am 27. Oktober. Das wird "Babylon" sein, die erste große Oper von Jörg Widmann. Peter Sloterdijk hat das Libretto geschrieben. Die Inszenierung dieser Uraufführung machen La Fura dels Baus.

Sie haben in München auch eine neue Online-Aktivität gestartet. Damit sind Sie Vorreiter.

Ich bin im Unterschied zu vielen meiner Kollegen nicht der Meinung, dass das Heil in der 6000. DVD oder 500. Fernsehübertragung liegt. Das ist passé. Ich halte den einmaligen Abend als Livestream für die zeitgemäßeste Form, die Türen des Opernhauses zur Welt zu öffnen. Es ist live, wie das Theater – und mit dem Fallen des Vorhangs verschwunden. Wir werden jährlich sechs bis acht ausgewählte Opernabende im Internet übertragen. Kostenlos! Wir sind ja ein Live-Medium.

Sie bekommen auch einen neuen Generalmusikdirektor. Wann übernimmt Kirill Petrenko das Amt von Kent Nagano?

Im Herbst 2013, nach seinem "Ring" in Bayreuth. Petrenko ist wahrscheinlich in seiner Generation der wichtigste Dirigent und eine Idealbesetzung für München. Er hat ein großes Repertoire, in seinem künstlerischen Wirken gibt es immer das Außergewöhnliche. Und er ist ein integrer Mensch.

Bachlers Karriere

Seit 2008 leitet Nikolaus Bachler die Bayerische Staatsoper in München. Sein Vertrag wurde bis 2018 verlängert. Ab Herbst 2013 wird Kirill Petrenko als Nachfolger von Kent Nagano Musikdirektor des größten deutschen Opernhauses.

Seine Karriere begann der 1951 geborene Bachler als Schauspieler, ehe er künstlerischer Leiter an den Staatlichen Schauspielbühnen Berlin wurde. Nach einem kurzen Abstecher Richtung Paris übernahm Bachler 1991 die Leitung der Wiener Festwochen, die er bis 1996 innehatte. Von 1996 bis 1999 war Bachler Intendant der Wiener Volksoper, der er programmatisch eine Frischzellenkur verordnete. Von 1999 bis 2009 war Bachler als Nachfolger Claus Peymanns Burgtheaterdirektor.

Auch an der Bayerischen Staatsoper in München setzt Bachler seinen Weg in Richtung Moderne fort. So ist die erste Premiere der aktuellen Spielzeit eine Uraufführung: "Babylon" von Jörg Widmann (27. 10.) nach einem Libretto von Peter Sloterdijk.

Es folgen Verdis "Rigoletto" (Regie: Arpad Schilling, 15. 12.) und Mussorgskys "Boris Godunow" (Regie: Calixto Bieito, 13. 2. 2013). Weiters kommen: Humperdincks "Hänsel und Gretel" (24. 4., Inszenierung: Richard Jones), Hans Werner Henzes "Elegie für junge Liebende" (3. 5., Regie: Christiane Pohle), Verdis "Simon Boccanegra" (3. 6., Inszenierung: Dmitri Tcherniakov), Verdis "Il Trovatore" (27. 6., Regie: Olivier Py) und die deutsche Erstaufführung von George Benjamins Oper "Written on Skin" (am 23. 7. 2013) in der Inszenierung von Katie Mitchell und mit dem Klangforum Wien. Dazu gibt es Ballett und drei Serien von Wagners "Ring".

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