© Andrea Witzmann

KunstHausWien
09/18/2018

Ausstellung "Stillleben": Und trotzdem ja zum Foto sagen

Das KunstHausWien sieht ein traditionelles Bildgenre als Ausweg der Kunstfotografie aus der digitalen Klemme

Der Fotoapparat sei „programmiert, Fotografien zu erzeugen, und jede Fotografie ist eine Verwirklichung einer der im Programm des Apparates enthaltenen Möglichkeiten“, schrieb der Philosoph Vilém Flusser 1983.

Was im prä-digitalen Zeitalter noch etwas schräg klang, ist heute schwer zu negieren: Tatsächlich haben nicht nur digitale Kameras, sondern auch die im Smartphone mitgelieferten Optimierungsprogramme vieles von dem absorbiert, was einst als „künstlerisch“ galt, vom Weichzeichner-Sepia-Filter bis zur seriellen Präsentation oder grafischen Nachbearbeitung von Aufnahmen.

Künstler werden vor diesem Hintergrund dazu gebracht, „ihr Selbstverständnis zu verändern, um sich nicht nur als Programmanwender empfinden zu müssen“, schrieb der Theoretiker Wolfgang Ullrich in einem jüngst publizierten Aufsatz. Bloß, welche Alternativen bleiben ihnen noch?

Post-Fotografie

Während Ullrich auf die Möglichkeit verweist, mit dem Fotografieren ganz aufzuhören und nur mehr gefundenes Bildmaterial zu arrangieren, propagiert die Kuratorin Maren Lübbke-Tidow die Neuentdeckung der traditionellen Bildgattung des Stilllebens. In diesem, so die These ihrer Gruppenausstellung im Kunsthaus Wien (bis 17.2.2019), werde die Fotografie nämlich gerade neu erfunden, Künstlerinnen und Künstler würden dabei Dinge und Räume mit „Eigensinn“ aufladen.

Die Botschaft hört man wohl – angesichts der Ausstellung lässt sich aber der Eindruck nicht vermeiden, dass es sich bei der „Neuerfindung“ um ein Rückzugsgefecht handelt. Ist es etwa tatsächlich sinnvoll, groß ausgedruckte Fotos aus der Handykamera mit Hautcreme und Make-Up-Pigmenten zu schminken, wie das der Künstler Manuel Gorkiewicz tut? Viel eher scheint diese Praxis mit dem Einbalsamieren einer Leiche vergleichbar.

Auch die Sorgfalt, mit der Annette Kelm Pizzakartons fotografiert, ist rührend. Laut der Kuratorin sollen derlei Stillleben zu einer „‚Verlangsamung des Sehens“ beitragen, was grundsätzlich nie schlecht ist. Allerdings wird die Option, dass Kontemplation auch in anderen Medien und Formaten möglich sein könnte, dabei eher pauschal negiert.

Interessant sind in der Schau vor allem jene Beiträge, die weniger Dinge zeigen als Bilder im Kopf wachrufen – etwa Matthias Hermanns Arrangements von spermatriefenden Glasnegativen, die auf Robert Mapplethorpes berüchtigt-pornografische Mappe „X Portfolio“ (1978) verweisen.

Nimm das, Algorithmus!

Die Algorithmen, die uns heute schon während des Ladens unserer Social-Media-Feeds erzählen, was wir demnächst zu sehen bekommen („image may contain cats“), tun sich mit solchen Bildern vermutlich schwer. Die Künstler und Künstlerinnen finden sich nun aber zunehmend in einem Katz-und-Maus-Spiel mit jenen Programmen wieder, die das Sehen beschleunigen und sofort einen Abgleich von Motiven, Mustern und Stilmitteln herstellen können.

Ein Fotokünstler wie Gerald Domenig wird dabei zum Miraculix im gallischen Dorf: Ein Computer wird seine Bilder in der Ausstellung als Aufnahmen von Mänteln und Faltenwürfen erkennen – die subtilen Linienmuster und Verbindungen zwischen Vorder- und Hintergrund, die für den Künstler erst ein „Bild“ ausmachen, erfasst ein Programm aber – noch – nicht. Dass künstlerische Originalität und die Fähigkeit ästhetischen Differenzierens etwas zutiefst Menschliches wäre, bleibt dennoch eine Behauptung, die stets aufs Neue verteidigt werden will.