Kultur
30.10.2018

Ausstellung "Antarktika": Es wird kalt und immer kälter

"Eine Ausstellung über Entfremdung" in der Kunsthalle Wien versucht, ein omnipräsentes Gefühl zu fassen

Themenausstellungen aktueller Kunst scheinen oft darum zu wetteifern, die treffende Zeitdiagnose abzuliefern. Das Problem ist, dass Kunstschaffende selten mit Leitartikelschreibern wetteifern und eher danach trachten, ihren Werken Haltbarkeit zu geben. Hier kommen Kuratoren oder Kuratorinnen ins Spiel: Im schlechten Fall quetschen sie Kunstwerke in ein Bedeutungskorsett, im besseren geben sie ihnen ein Gehege, in dem sie atmen, ja wachsen können.

Kühle Atmosphäre

„Antarktika – eine Ausstellung über Entfremdung“ in der Kunsthalle Wien (bis 17.2.2019) ist in diesem Sinn eine gelungene Schau, denn sie erfasst eher eine Atmosphäre, als nach Aktualität zu gieren. Entfremdung hat es zu allen Zeiten gegeben, spätestens Karl Marx diagnostizierte sie als Symptom für politische Schieflagen. Und geht es nach den Kuratoren Nicolaus Schafhausen und Vanessa Joan Müller, dann befinden wir uns heute ebenfalls in einem Entfremdungszustand, zu dem wir noch dazu ein fröhliches Gesicht machen (müssen).

So strahlt uns am Eingang der Schau eine perfekte US-amerikanische Familie entgegen. Für den Künstler Buck Ellison sollen solche Gruppenporträts mit ihrer Glätte misstrauisch machen und die Optimierungslogik der Gesellschaft freilegen. Damit das funktioniert – und die Werke nicht einfach als Lifestyle-Porträts durchgehen – braucht es allerdings eine kritische Haltung, die erst anderswo in der Schau kultiviert werden muss.

Auf Jan Hoefts riesiger Werbetafel ist etwa ein zeitgenössischer Wohnbau in jener idealisierten Art abgebildet, die man aus Immobilienanzeigen kennt. Allerdings fließen rote Tränen aus den Augen der dargestellten Menschen, die sich eigentlich hier wohlfühlen sollten. Auch in Ian Wallaces fotografischem Tableau stehen sich zwei Personen an einer Kreuzung eines im Bau befindlichen Stadtviertels gegenüber, zwischen ihnen: Leere.

Die Stoßrichtung ist also klar: Der Kapitalismus hat uns in seinen Fängen; die Häuser, die er uns baut und die Jobs, die er uns gibt, werden uns nicht gerecht.

Dennoch kommt die Ausstellung nicht wie ein Pamphlet daher, weil sie ihren Referenzbogen weit spannt. Der Titel „Antarktika“ etwa entstammt einer Notiz des Regisseurs Michelangelo Antonioni: Er sah darin die Gletscher der Antarktis nahe kommen und wollte „in einem Film vorhersehen, was dann passieren wird“. Mit den Gletschern war die Vereisung der Gesellschaft gemeint.

Kalter Blick

Die Kälte begegnet einem in der Schau etwa in den von Joanna Piotrowska fotografierten Männerpaaren, die sich, wenngleich einander nahe, auf seltsame Weise nicht anschauen. Den kalten Blick kenne man auch aus Bildern Edouard Manets, sagt Kuratorin Müller; man möchte Künstler der 1920er wie Christian Schad, Max Beckmann oder Tamara de Lempicka hinzufügen. Auch deren Ästhetik schien düstere politische Zeiten vorauszuahnen. Doch in der Kunsthalle überlässt man derlei Schlussfolgerungen dem Publikum.