© Ars Electronica/Robert Bauernhansl

Interview
05/02/2020

Ars-Electronica-Chef: Die Apokalypse kommt immer erst später

Gerfried Stocker über Dialog-Oasen, Verantwortung und Entmündigung.

von Georg Leyrer

Überwachung, Telepräsenz, Biotechnologie: Vieles von dem, das in der Corona-Krise in der Lebensrealität der Menschen auftauchte, ist schon lange Thema des Linzer Digitalkunstfestivals Ars Electronica. Dessen Chef, Gerfried Stocker, im Interview.

KURIER: Im US-Magazin Wired stand vor Kurzem, dass es auch ein bisserl eine fade Apokalypse ist: Wir sitzen zu Hause mit einer Tasse Tee, anstatt irgendwelche Zombies zu bekämpfen. Da hat uns die Popkultur Interessanteres versprochen.

Gerfried Stocker: Aber die Apokalypse, die in der Science-Fiction erzählt wird, ist die gesellschaftliche Verrohung nach der tief greifenden Krise. Die Apokalypse kommt nach dem momentanen Überlebenskampf. Das ist ja das, wovor man sich mehr fürchten muss: Welche Konsequenzen hat das alles mittelfristig? Welche Formen von gesellschaftlicher Extremisierung werden wir sehen?

Jetzt fürchte ich mich.

Wir müssen dagegen ankämpfen – und das können Kunst und Kultur –, dass diese Isolation um sich greift. Das „Jeder gegen jeden“ – China gegen USA, Deutschland gegen Polen ...

... Salzkammergut gegen Wien ...

... – ist die „neue Normalität“. Apokalypse-affin, wie wir alle gerne sind, sehen wir jetzt eine große derartige Wüste vor uns. Das Wichtigste aber ist, die Oasen, die es darin gibt, zu vernetzen. Die Kultureinrichtungen, die Institute, auch Einzelpersonen, die weltweit an der Ausformung von Zukunft arbeiten. Also die Dialogfähigkeit von Gesellschaften weiter sicherzustellen.

Die Dialogfähigkeit scheint, sagen wir mal, nicht am Höhepunkt zu sein: Viele haben es sich willig im Windschatten der politisch Handelnden bequem gemacht – und Diskussionen nicht gerne gesehen. Wird das wieder was?

Natürlich. Autonomie, Freiheit und Selbstbestimmung gehören zu den menschlichen Bedürfnissen. Die Frage ist nur: Wie tief ist das Tal, durch das man geht, bis man wieder draufkommt, dass man dagegen auftreten muss? Es wird von Land zu Land sehr unterschiedlich sein, ob man mit normalen demokratischen Mitteln wieder dahin zurückkommt. Man sieht in der ganzen Welt eine Koalition zwischen autoritärem politischen Auftreten und Expertentum zur Entmündigung der Zivilgesellschaft. Für unsere Generation ist das ein neues Phänomen. Die große Gefahr ist auf beiden Seiten, dass man da auf den Geschmack kommt.

Und jetzt?

Wir sind da in derselben Diktion wie bei den Corona-Maßnahmen: Je früher wir dagegen eintreten, desto weniger Kollateralschäden wird es geben. Wie beim Virus: Es geht darum, Verwundungen der Gesellschaft zu vermeiden, die schlimmer sind als die wirtschaftlichen Konsequenzen.

Wegen der Corona-Maßnahmen wird es heuer das Festival (9. bis 13. September)  in veränderter Form geben: Die rund 57 Partnerunis und weitere Kooperationspartner des Linzer Festivals in aller Welt sollen jeweils vor Ort Veranstaltungen anbieten,  die Ars Electronica bietet dafür eine Plattform. Und in Linz soll an möglichst vielen Orten  dezentral etwas veranstaltet werden

Home Delivery
Inzwischen bringt die Ars Electronica ihr Angebot nach Hause: Das Publikum kann u. a. Führungen per Videokonferenz besuchen und Konzerte hören

Das alles gibt es hier.

Apropos: Die erste Allianz zwischen Google und Apple widmet sich einer Funktion, die aufzeichnet, neben wem man gesessen ist. War’s das mit dem Datenschutz?

Die IT-Branche, das ist der große Gewinner. Keine Digitalisierungsoffensive der Welt hätte es geschafft, so einen Schnellsiedekurs in digitalen Fähigkeiten durchzuführen. Plötzlich können alle mit diesen Dingen umgehen. Das ist ja etwas unheimlich Positives. Denn es ist auch eine Entzauberung der Technologie. Wir werden uns nicht in der digitalen Ferngesellschaft auflösen. Sondern Technologie in unsere Lebenswelt als Selbstverständlichkeit integrieren. Und das bringt Verantwortungsdruck in die digitale Welt.

Wie das?

Die Digitalisierung war bis jetzt eine Wild-West-Eroberung: Wer als Erster dort war, den Colt gezogen hat, hat das Territorium besetzt. Das war eine Horde von Abenteurern und Raubrittern. Jetzt rückt die Zivilgesellschaft nach, und es passiert genau das, was dem Wilden Westen passiert ist: Er wurde zivilisiert, zu einer Lebensumgebung, in der die ganze Gesellschaft Platz findet.

Also auch die, die lieber nicht überwacht und auf Schritt und Tritt für Werbung durchleuchtet werden?

Man sieht jetzt etwa bei der Rot-Kreuz-App, dass es möglich ist, Technologie so zu entwickeln, dass sie akzeptabel ist. Dass es kein Naturgesetz ist, dass ein Handy automatisch ein skrupelloser Datenstaubsauger sein muss. Das ist keine Frage der Technologie, sondern eine Frage der Gesellschaft, der Politik. Und man sieht auch, dass Technologie nur nützlich ist, wenn sie international ist. Was nützt die beste App, wenn sie in Freilassing aufhört?

Die Datenübertragung geht sonst ja auch bis nach Kalifornien.

Wenn wir uns schon die Mühe machen, eine saubere, vielleicht sogar EU-weite App zu entwickeln, dann könnte man doch auch an Google, Apple, Facebook und andere herantreten. Und sagen: Das sind Standards, die wir auch von euch erwarten. Das kann eine sehr gute Situation sein. Der Aufschrei in ganz Europa gegen intransparente Corona-Apps ist nicht schlecht: Es gab eine Diskussion auf breiter Basis, noch bevor etwas eingeführt wurde. Das ist ein neues Sich-selbst-Zutrauen, dass man mit Digitalisierung umgehen kann. Und das Einfordern einer fairen Situation – wie im Nahrungsmittelbereich. Der funktioniert nur so gut, weil die Menschen den Waren vertrauen können.

Aber was war da noch mal die Rolle der Kultur?

Wir haben wieder gesehen, wo die Kultur in der Wichtigkeit wirklich steht. Aber Kultur ist keine Marketing-Erfindung, sondern ein menschliches Bedürfnis. Sie muss so rasch wie möglich zurückkommen. Denn eine bestimmte Qualität des Diskurses findet nur durch Kultur statt.

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