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Kultur
07/30/2012

"Ariadne": Glücksfall von Musik-Theater

Die Premiere von "Ariadne auf Naxos" wurde bei den Salzburger Festspielen zum Triumph: Ein Werk von Strauss, Hofmannsthal – und Bechtolf.

von Gert Korentschnig

Es ist gut möglich, dass diese Produktion schon der künstlerische Höhepunkt der Salzburger Festspiele 2012 war. Zu danken ist der große Erfolg primär dem neuen Theaterverantwortlichen, Sven-Eric Bechtolf. Er begeisterte mit der Bearbeitung und Inszenierung der Hofmannsthal/Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos", die er solcherart zu seinem eigenen Kunstwerk machte. Der Schauspielchef inszeniert Oper, Sprechtheater trifft auf Musik, dazu gibt es noch Ballett – so in etwa hatten sich das einst Strauss und Hofmannsthal wohl vorgestellt.

Es zählt üblicherweise nicht zum Aufregendsten für die meisten Theaterbesucher, sich intensiv mit Fassungen zu beschäftigen. Diesfalls sei das aber  jedem zum besseren Verständnis empfohlen. Die wichtigsten Parameter: Hofmannsthal und Strauss hatten ihre Ur-"Ariadne" vor 100 Jahren in Stuttgart herausgebracht. Diese Aufführung endete im Fiasko. Hofmannsthal hatte den "Bürger als Edelmann" von Molière für das Vorspiel der Oper bearbeitet. Auf Grund des Misserfolges und des fürderhin nicht realisierbaren Aufwandes entstand  später die Wiener Fassung mit komponiertem Vorspiel.

Bechtolf beruft sich nun im Haus für Mozart auf die Stuttgarter Version, bearbeitet sie ein weiteres Mal und setzt einen genialischen Kunstgriff: Er führt Hofmannsthal als Bühnenfigur ein, der mit der Oper um die Witwe Ottonie von Degenfeld-Schonburg wirbt. Diese finden zueinander wie Bacchus und Ariadne. Das macht Bechtolf, basierend auf Briefen der beiden, klug,  raffiniert, frech. Er lässt auch andere Hofmannsthal-Figuren aufmarschieren, etwa Simonischek als Jedermann.

 

Vorstadt

Im Zentrum des Vorspiels steht diesmal nicht der Komponist (den gibt  es als Gesangspartie gar nicht), schon aber der reiche Mann von Wien, über den sonst nur geredet wird. Das ist ein proletoider, einfältiger, aber reizender Emporkömmling aus Ottakring namens  Jourdain.   Gespielt wird er von Cornelius Obonya, der eine humoristische Glanzleistung erbringt. Wie er, um zum Edelmann zu werden, fechten lernt, wie er sich als Tänzer versucht, wie er sich bei Tisch blamiert,  ist köstlich. Im zweiten Teil des Abends, wenn die Oper "Ariadne" in seinem Haus gegeben wird, ruft er mehrfach dazwischen.etwa "Ein bisschen eintönig, was sie singt."

Dieser Fassung fehlt auf den ersten Blick der Zynismus, die Abrechnung mit der Despektierlichkeit des Kapitals im Umgang mit Kunst. Bei genauerer Betrachtung ist sie aber näher an den Intentionen als bekannte "Ariadne"-Produktionen. Nur Peter Matič ist in dieser Version eine Spur zu nobel für den Haushofmeister. Regina Fritsch (Ottonie) und Michael Rotschopf (Hofmannsthal) spielen jedoch glaubhaft und intensiv. Im Vorspiel hört man von den facettenreich und farbenprächtig spielenden Wiener Philharmonikern "Ariadne"-Motive und selten aufgeführte Ballettmusiken. Im zweiten Teil, der eigentlichen Oper, die sich von der Wiener Fassung ebenfalls unterscheidet (Bacchus und Zerbinetta etwa haben einiges mehr zu singen, letztere sogar noch höher als sonst), sorgt Dirigent Daniel Harding für Präzision, verschleppt aber einige Tempi. Man wünscht sich mehr Emotion und Differenzierung zwischen kammermusikalischen Momenten und großen Klanggebilden.

 

Traumdebüt

Bei den Sängern überragt Jonas Kaufmann bei seinem Debüt als Bacchus alle anderen: Mit seinem dunklen Timbre, seiner metallischen Höhe und seiner Präsenz ist er eine Idealbesetzung. Elena Mosuc hat alle Spitzentöne für die Zerbinetta, singt scheinbar mühelos perlende Koloraturen, lässt aber an Ausstrahlung einiges vermissen. Emily Magee als Ariadne ist eine Enttäuschung: In der Tiefe hat sie Mühen, in der Höhe muss sie forcieren. Im Dezember kommt Bechtolfs "Ariadne", in der eleganten Ausstattung von Rolf und Marianne Glittenberg, nach Wien: Leider nicht in dieser (Schauspiel)-Fassung, dafür mit Franz Welser-Möst am Pult, Stephen Gould als Bacchus, Daniela Fally als Zerbinetta und Krassimira Stoyanova als Ariadne.

Fazit: Eine kluge, humorvolle Fassung

Das Werk: "Ariadne auf Naxos", 1912 uraufgeführt. Die damalige Version, basierend auf Hofmannsthals Bearbeitung von Molières "Bürger als Edelmann", war ein Misserfolg.

Die Produktion: Bechtolfs Version brachte einen Triumph. Die Regie ist klug und lustig, fast alle Protagonisten sind gut.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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