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Kultur
11/07/2021

Apokalypse-Roman, jetzt! Lässt uns die Literatur mit dem Klimawandel alleine?

Eine anschwellende Debatte sagt: Ja.

von Georg Leyrer

Auch wenn gerade mal nicht Klimagipfel ist: Es gibt inzwischen doch umfassende Auseinandersetzungen mit den Gegenmaßnahmen zur Erderwärmung – und damit, was passiert, wenn nichts passiert. Es gibt Zeitungsartikel, Sachbücher, es gibt Fotos und Kunstwerke, die die Veränderungen an der Erde sichtbar machen, und gleich mehrere Untergruppen der Science-Fiction-Literatur, die sich mit einiger Angstlust der Welt nach diversen Katastrophen widmen, darunter auch die Klimakatastrophe.

Es gibt aber, laut einer anschwellenden Debatte, eines nicht: Literatur, Filme, Musik, auch Kunst, die sich mit dem besonderen Jetzt, in dem wir uns befinden, auf gebührende Art auseinandersetzen.

Noch nicht greifbar

Dieses Jetzt ist eigenartig, schwer zu fassen: Es gibt ein wachsendes, bei vielen brennendes, bei den allermeisten aber höchstens theoretisches Bewusstsein, dass das mit dem Meeresspiegel und der Hitze und den resultierenden Flüchtlingsbewegungen ganz arg werden könnte.

Es gibt zugleich kleinkrämerisches Hickhack, ob ein paar heiße Tag noch Wetter oder schon Klima sind. Es gibt ein eisernes Rückzugsgefecht jener, die sich von irgendwelchen Ökos und Wissenschaftlern nicht Autofahren, Schnitzel und Urlaubsflug wegnehmen lassen wollen. Und es gibt Menschen, die sich vehement dafür einsetzen, die gewaltigen Gefahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen.

Das radikale Umdenken und rasche Handeln, das sie fordern, käme einer gesellschaftlichen Revolution gleich. Und in so einem Kontext hat die Kultur ja wirklich Kompetenzen: Alle der letzten großen gesellschaftlichen Veränderungen – die sexuelle Revolution, die Digitalisierung – wurden und werden in der Kultur begleitet.

Nicht aber der Klimawandel. „Warum schlägt sich diese fundamentale Krise so wenig in der Literatur nieder? Warum, zur Hölle?!“, fragte der Autor und stv. Chefredakteur der Zeit, Bernd Ulrich, jüngst in einem Artikel (diesen finden Sie hier).

Es gäbe zwar viele Romane über die deutsche Vergangenheit. Warum aber „gibt es fast keine Romane, die von der ökologischen Katastrophe handeln, die uns widerfährt und die wir sind, die sich bislang ungebremst entfaltet und so oder so das Leben der Menschen zutiefst verändern wird, nein: schon lange verändert?“

Gute Frage

Es ist eine gute Frage. Eine Frage, die andere Ergebnisse mitdenkt, als man impulsiv meinen würde: Ulrich und auch der ehemalige Chef des MAK in Wien, Christoph Thun-Hohenstein, betonen, dass künstlerische Auseinandersetzung mit dem Klima ja nicht apokalyptisch daherkommen oder eine Mangelwelt – ohne Auto, ohne Schnitzel – beklagen muss. Sondern durchaus auch positive Bilder zeichnen könne: „Letztlich geht es nicht um Verzicht, sondern um innere Harmonie, Harmonie von Zielen, Werten, Bedürfnissen und Gewohnheiten“, schreibt Ulrich dem KURIER auf Nachfrage.

Auch wenn die Belletristik noch Anlaufschwierigkeiten im Klimathema hat (siehe oben): Das Sachbuchgeschäft läuft schon rund, das heißt in alle Richtungen. Es gibt Appelle für einen Richtungswechsel und Pamphlete dagegen, es gibt prominente Dialoge und allerlei dazwischen.

Zuerst aber ein kurzer Schwenk: Wer Literatur darüber sucht, wie die Welt aussehen könnte, wenn alles kollabiert – die Umwelt, die Demokratie, das Menschliche –, der ist bei Margaret Atwood perfekt aufgehoben. Sie beschreibt etwa in „Oryx und Crake“ all das, was dann ist. Und das durchaus mit Humor. Das lässt den Leser die Ohren anlegen, und vielleicht doch einmal mehr den Bus nehmen statt des Auto.

Und dann liest sich ein Appell wie jener von Fred Vargas gleich mit heißerem Herzen: „Wir müssen jetzt handeln, um unser Klima zu retten“, lautet die Unterzeile zu „Klimawandel – ein Appell“ (Limes Verlag). Auch Bernd Ulrich (siehe oben) und Luisa Neubauer sehen den Punkt ohne Umkehrmöglichkeit noch vor uns: „Noch haben wir die Wahl“, heißt ihr Buch (Klett-Cotta).
Sie reden auf der Messe Buch Wien  mit „Fridays for future“-Mitgründerin Katharina Rogenhofer – und auch die hat ein Buch am Start: „Ändert sich nichts, ändert sich alles“ (mit Florian Schlederer, Zsolnay). Apropos „FFF“: Greta Thunberg und der Dalai Lama reden in „Kreisläufe des Klimawandels“ (Edition a) mit führenden Wissenschaftern zum Thema.

 

 

Zum Auftakt schon beim letzten Klimagipfel vor Glasgow aber wurden Gedichte gelesen, bei denen die Message den künstlerischen Wert rechts und links überholte. Was überhaupt eine Zwickmühle jener Kunst ist, die sich schon mit dem Thema beschäftigt: Sie predigt, und zwar zu den Bekehrten, holt also jene ab, die eh schon an Bord sind. Und sie hat oft Motivationscharakter: Tu das, damit das, was ich hier beschreibe, nicht passiert.

Ulrich aber „erwarte überhaupt nicht, dass eine Literatur, die beschreibt, wie die Klimakrise die Menschen schon jetzt verändert, zu etwas aufrufen oder die Leute zu etwas bewegen soll. Es geht mir nur um die literarische Beschreibung.“

Und zwar jener Scheinnormalität, in der wir leben: Dass zwar beim Klima die nächsten Jahre entscheidend, die unmittelbaren Auswirkungen für den gemeinen Mitteleuropäer aber noch fern sind. Wie beschreibt man das Normale? „Besteht nicht gerade darin die wunderbare Fähigkeit von Literatur im Normalen das Unnormale zu sehen, im Alltäglichen das Abgründige und im Banalen das Große?“, sagt Ulrich, der am kommenden Sonntag, aus Glasgow zugeschaltet, auf der Wiener Messe Buch Wien zu seinem Buch „Noch haben wir die Wahl“ sprechen wird.

Debattengift

Eine derartige literarische Behandlung – und auch jene in Popmusik oder Film – könnte auch Gift aus der Debatte nehmen: Denn die Klimadebatte wird oft an jenen scharfkantigen Bruchlinien geführt, an der die gesamte Gesellschaft sich gerade wundreibt. Dass Auto und Schnitzel (weniger Fleischkonsum!) bedroht sind, versetzt große Teile der Bevölkerung in die identitätspolitische Defensive. Und die Debatten sind dementsprechend ebenso giftig wie jene um Gendern oder Transrechte.

Kunst hingegen kann Kompliziertes fühlbar machen – und, so banal das klingt, Menschen zusammenbringen. „Dass diejenigen, die den Weg der Zerstörung weitergehen wollen, fundamentalistisch und identitätspolitisch ,argumentieren’ stimmt, ich steige darauf aber gewöhnlich nicht ein“, schreibt Ulrich. Das Hauptproblem unserer Zeit sei „auch nicht die gesellschaftliche Spaltung, sondern die Zerstörung der Grundlagen von Demokratie durch die dramatische ökologische Krise.“ Und das Schnitzel? Der Verzicht wäre hier „vor allem Befreiung, und der Hausarzt dankt“.

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