Vor 70 Jahren kam es auf dem Bauernhof von Mr. Jones zu einer Rebellion der Tiere. Schweine installierten eine Schreckensherrschaft - jedenfalls im Roman "Animal Farm" (1945) von George Orwell.

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70 Jahre
08/16/2015

Wann ist mit einem Aufstand der Tiere zu rechnen?

"Animal Farm": Schwein, Pferd und Kuh verjagen die Menschen und übernehmen den Hof. Ist das möglich?

von Jürgen Klatzer, Dietmar Kuss

Am 17. August 1945 erschien "Animal Farm" auf dem englischen Buchmarkt. Im umstrittenen Roman beschreibt der britische Schriftsteller George Orwell das Scheitern der kommunistischen Ideale von Gleichheit und Gerechtigkeit in den ehemaligen Ostblockstaaten. Um seine Kritik an der Oktoberrevolution 1917 und der diktatorischen Herrschaft Josef Stalins darzustellen, bedient sich Orwell dem Märchengenre und lässt statt Menschen Nutztiere revoltieren.

Die Tiere haben es satt. Sie werden geschlagen, ausgebeutet und bekommen kaum zu fressen. Sie fassen einen gemeinsamen Entschluss: Rebellion. Ihr Peiniger Mr. Jones wird verjagt und die Tiere übernehmen die Führung am Bauernhof. Die Revolution gelingt, doch die Schweine haben andere Pläne. Sie nutzen ihre neu erlangte Macht und räumen sich Privilegien ein. Die Schreckensherrschaft von Napoleon hat begonnen: "Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher." (Siehe Kommentar unten)

Anlässlich des 70. Jahrestages von "Animal Farm" sprach der KURIER mit Josef Troxler, Leiter des Instituts für Tierhaltung und Tierschutz der Vetmeduni Vienna, über das Verhalten von landwirtschaftlichen Nutztieren und die Möglichkeit einer Rebellion.

KURIER: Herr Troxler, wann können wir mit einem Aufstand der Tiere rechnen?

Josef Troxler: Es wird keinen Aufstand geben. Aus dem Verständnis der Biologie der Tiere heraus wird das mit Sicherheit nicht passieren, schon gar nicht, dass sich verschiedene Tierarten untereinander absprechen würden.

Bild: George Orwell (1903-1950) - Der britische Schriftsteller starb fünf Jahre nach der Veröffentlichung des Romans "Animal Farm" an Tuberkulose.

Was ist, wenn Sie sich irren? Im Roman "Animal Farm" von George Orwell jagen Kuh, Schwein und Co. die Menschen in die Flucht.

Das nennt man dann wohl einen literarischen Kunstgriff, um eine bestimmte menschliche Situation darzustellen. Selbstverständlich kann es zu einer Kommunikation zwischen Mensch und Tier kommen. Tiere reagieren darauf, ob mit ihnen gut oder schlecht umgegangen wird. Aber eine kollektive Reaktion auf eine beispielsweise schlechte Behandlung wird es nicht geben. Es wird das einzelne Tier sein, das je nach Situation vielleicht mit einer Aggression antwortet, beißende Hunde sind so ein Fall.

Das Reiz-Reaktion-Modell. Aber warum wehren sich Tiere nicht im Kollektiv?

Das ist schlussendlich eine Frage der biologischen Eigenschaften. In der Evolution haben sich Tiere an bestimmte Umgebungen angepasst, dabei haben sich auch ihre Körperform, ihr Verhalten und entsprechende Sinnesleistungen entwickelt. Diese genetisch fixierten biologischen Eigenschaften machen die tierartlichen Unterschiede aus. Dabei entstanden sehr wohl bei sozial lebenden Tierarten Strategien, gemeinsam zu jagen oder sich gegen einen Räuber zu wehren. Daraus sehen wir, dass Tiere durchaus mehr sind als nur Reaktoren auf Reize. Sie können lernen, sich mit Artgenossen und der Umwelt auseinanderzusetzen. Sich im Kollektiv zu wehren, wie Orwell das darstellt, gibt es aber nicht, da die in "Animal Farm" beschriebene Situation in der Entwicklungsgeschichte der Tiere kein Thema war.

Bild: Mr. Jones wird von den Tieren verjagt. Eine Szene aus dem Zeichentrickfilm "Animal Farm - Aufstand der Tiere" aus dem Jahr 1945.

Die Entwicklung ging vermutlich auch weiter.

Genau, es kam die Domestikation, also die Umwandlung der Wildtiere zu Haustieren. Landwirtschaftliche Nutztiere, wie sie auch in "Animal Farm" vorkommen, haben durch eine gezielte Selektion bestimmte Eigenschaften angezüchtet bekommen. Ein Beispiel: Unsere Hühner sind zu Tieren geworden, die in einer Legeperiode 300 Eier legen, praktisch ein Ei pro Tag, egal ob sie im Käfig oder Freiland gehalten werden.

Bei George Orwell werden die Tiere gezwungen, mehr zu arbeiten – trotz weniger Futter. Eine qualvolle Domestizierung, oder?

Was Orwell hier zeigt, ist ein Bild für moralisches Verhalten des Menschen. In der Domestikation sind durchaus auch qualvolle Zustände bei Tieren entstanden. Auch wenn Tiere ihren Nutzen erbringen, bedeutet das nicht, dass sie nicht leiden können. Doch warum dulden Pferde einen Jockey auf ihrem Rücken? Sie hätten genug Argumente, ihn einfach abzuwerfen. Sie machen es aber nicht. Pferde sind evolutiv nicht dazu gedacht, dass man auf ihnen reitet, trotzdem ist es möglich. Das sind antrainierte Fähigkeiten, die auch ein Vertrauen zum Menschen im Sinne der Mensch-Tier-Beziehung darstellen.

Schweine wollen also nicht die Weltherrschaft an sich reißen?

In "Animal Farm" hätten auch Ratten das Sagen haben können, nicht nur Schweine.

Bild: Im Roman von Orwell reißen Schweine die Herrschaft an sich und unterjochen die anderen Farmtiere.

Dennoch ist es der Eber Napoleon, der eine Schreckensherrschaft unter der Fahne des Animalismus' (Kommunismus, Anm.) am Hof installiert. Sie haben sich offenbar gegen die Ratten durchgesetzt. Welche Eigenschaften verbinden Sie mit Schweinen?

Ich ordne sehr viele Eigenschaften dem Schwein zu, aber nicht diese anthropomorphen Zuschreibungen wie das Drecksschwein, das Glücksschwein oder das faule Schwein. Wir verwenden diese verbale Vermenschlichung deshalb, weil wir das Verhalten oder den Ausdruck dieser Tiere sehen, aber falsch interpretieren oder bestimmte Bilder für andere Zwecke transportieren wollen.

Warum sagt man „die dreckige Sau“? Es ist die biologische Eigenschaft eines Schweines, dass es nicht schwitzen kann. Deshalb nimmt es ein Schlammbad, um sich zu kühlen. Und wenn keine Suhle vorhanden ist, sucht sich das Tier ein feuchtes Milieu. Es wälzt sich im eigenen Kot und Harn. Dass "Drecksau" negativ konnotiert ist, ist unbegründet. Denn das Schwein hat sich gemäß seiner biologischen Eigenschaften richtig verhalten, fand aber nicht die ihm adäquate Umweltbedingung.

Also legen glücklichere Hühner auch keine größeren Eier?

Erstens stimmt die Aussage sowieso nicht, und zweitens weiß ich nicht, ob das Huhn glücklich oder unglücklich ist. Wir können anhand von Verhalten, Mimik und Lauten z.B. Schmerz oder Leiden annehmen, aber was das Tier in dieser Situation selbst empfindet, können wir nicht nachzuvollziehen. Ich kann messen, was ich sehe. Beispielsweise, dass sich das Huhn normal verhält, unter Umständen Spielverhalten zeigt oder in einer entspannten Ruhesituation schläft. So kann ich auf Wohlbefinden schließen. Wenn das Verhalten von der Norm abweicht, dann ist es nicht in Ordnung.

Bild: Tierhaltungsexperte Josef Troxler vermeidet anthropomorphe Zuschreibungen wie "das glückliche Huhn".

Auch wenn bei der Tierhaltung die Biologie im Vordergrund steht, aus Sicht der Verhaltenspsychologie: Gibt es Zusammenhänge zwischen anthropomorphen und biologischen Eigenschaften? Können Tiere loyal sein?

Das ist eine Frage der Begriffsdefinition. Natürlich gibt es Situationen, in denen Tiere eine Beziehung zu Menschen aufbauen. Hunde, die seit Jahrtausenden in menschlicher Obhut sind, haben ein auf Menschen bezogenes Sozialverhalten entwickelt, das einerseits Lernprozesse beinhaltet und andererseits durch die Domestikation bedingt ist. Ob dabei jedoch von Loyalität gesprochen werden kann, möchte ich bezweifeln. Loyalität ist ein Begriff des menschlichen Sozialverhaltens, des moralischen Handelns.

Das klingt doch ziemlich kühl. Keine Anzeichen einer loyalen Mensch-Tier-Beziehung?

Tiere haben Gefühle und Emotionen. Aber dass ein Lawinenhund nach Verschütteten sucht oder ein Blindenhund eine Person über die Straße führt, hat nichts mit Loyalität zu tun. Diese Fähigkeiten sind andressiert und das Ergebnis einer langen, spezifischen Ausbildung. Lassen wir doch die Zuschreibung von anthropomorphen Eigenschaften weg. Die Vermenschlichung schadet einer tiergerechten Haltung.

Bild: Schafe symbolisieren in "Animal Farm" das allgemeine Volk. Die Tiere blöken, was ihnen vorgesagt wird.

Die ganze Konzentration auf biologische Eigenschaften?

Ja, das ist extrem wichtig. Tiere sind so zu halten, dass ihre Körperfunktionen und ihr Verhalten nicht gestört werden, und ihre Anpassungsfähigkeit nicht überfordert ist. Das bedeutet nicht unbedingt eine freie Wildbahn. Auch hier können sich Tiere nicht immer anpassen. Nehmen Sie Futterknappheit oder Raubfeinde. Die führen unweigerlich zu Leid. Tiergerecht heißt, den Tieren Strukturen, Elemente und arttypische Sozialkontakte bieten, die ein Normalverhalten ermöglichen. Aber nur weil Hühner natürlicherweise nachts auf Bäumen schlafen, muss ich ihnen keinen Baum hinstellen. Es reichen erhöhte Sitzstangen.

Ändert sich das Tierverhalten bei einer nicht-tiergerechten Haltung?

Selbstverständlich. Das kann offensichtlich oder sehr subtil sein. Es kann vorkommen, dass Tiere atypische Ruhephasen haben oder sich einander aus Langeweile beknabbern. Längerfristig kann es zu einer höheren Anzahl kranker und toter Tiere führen.

Aber auch der Umkehrschluss ist wichtig: Wenn in einer bestimmten Haltung Normalverhalten ausgelebt werden kann, Spielverhalten offensichtlich ist und sich normale soziale Rangordnungen bilden, dann ist sie tiergerecht.

Bild: Kühe beim Fressen - Rangordnungen bei Tieren unterschiedlicher Art gibt es nicht.

Sie haben Rangordnung erwähnt. Wie sieht die bei Tieren aus?

Es gibt bei allen sozial lebenden Tieren eine Rangordnung. Wer darf zuerst fressen oder trinken? Wer schützt wen vor Feinden? Beim Bilden der Rangordnung kann es manchmal zu sehr heftigen Auseinandersetzungen zwischen Tieren kommen. Aber in einer sozialen Gruppe müssen sich die Tiere kennen, um Rangpositionen erstellen zu können.

Auf der Farm von Bauer Mr. Jones gibt es auch eine Rangordnung zwischen Tieren unterschiedlicher Art.

Das gibt es jedoch auch nur am Hof von Mr. Jones. Eine Rangordnung zwischen Kühen und beispielsweise Hunden gibt es nicht. Es gibt aber wohl Aggressionen zwischen den beiden. Die Kuh erkennt den Hund als Feind und setzt sie sich gegen diesen Eindringling zur Wehr.

Bild: Nicht alle sind mit der Entwicklung am Hof zufrieden. Esel "Benjamin" stand der Revolution von Anfang an kritisch gegenüber.

Am Ende von "Animal Farm" mutieren Schweine zu Menschen. Sie gehen aufrecht, trinken Alkohol, schlafen in Betten und machen Geschäfte. Wie ähnlich sind wir uns?

Schweine und Menschen sind Säugetiere. Zugleich sind Schweine und Menschen Omnivoren, das heißt, sie nehmen gute Nahrung in kleineren Mengen zu sich - manchmal auch zu viel. Der Verdauungsapparat ist sich ziemlich ähnlich. Aus diesem Grund, eignet sich das Schwein auch immer wieder als Modelltier in der Tierversuchsforschung. Wenn beispielsweise ein Experiment beim Schwein funktioniert, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass es beim Menschen auch funktioniert.

Biologisch betrachtet.

Stimmt. Trotzdem sind Mensch und Schwein ganz unterschiedliche Wesen, mit ganz arttypischen Eigenschaften. Alles andere ist literarische Freiheit, um ein menschliches Problem darzustellen. In der Evolution hat der Mensch Eigenschaften und Qualitäten entwickelt, um mit seiner Umwelt zurechtzukommen. Das Schwein hat hingegen eine andere Entwicklung hinter sich.

Bild: Mit einem Aufstand der Tiere ist in naher Zukunft nicht zu rechnen.

Darf ich trotzdem sagen: "Du bist ein Schwein"?

Selbstverständlich dürfen Sie das. Was aber damit gemeint ist, ist nur im Kontext der menschlichen Kommunikation zu verstehen. Es wäre unfair dem Schwein zu sagen: "Du bist ein Mensch". Es würde das nicht verstehen. Vielleicht sagen das Schweine einander auch, aber dann ist dies uns nicht zugänglich.

"Alle Tiere sind gleich"… im Prinzip

Uns verbindet viel mit den Tieren. Da sind erst mal die biologischen Ähnlichkeiten, oder die nicht einmal drei Prozent Erbgut-Differenz zwischen Mäusen und Menschen. Und natürlich die immer wieder unterschlagene Tatsache, dass wir auf demselben Planeten leben. Philosophen diskutieren das Thema seit jeher, es ging dabei zumeist um die Frage, ob Tiere so etwas wie eine Seele oder einen Geist haben. So stellte sich Descartes das Tier als beseelte Maschine vor. Als etwas, das instinktiv und "spontan" handelt, dennoch aber Gefühle hat, die den menschlichen nicht unähnlich zu sein scheinen. Das ist der springende Punkt: Nicht unähnlich, aber doch auch wieder sehr unterschiedlich. Folgt man dem scholastischen Kirchenphilosophen Augustinus, ist die Antwort schnell gefunden: Tiere haben eine Seele, einzig unsterblich ist die menschliche.

Welt ohne Tiere?

In Anlehnung an diverse düstere Utopien: Wie würde eine Welt ohne Tiere aussehen? In welcher Gestalt würde uns der Teufel begegnen, bzw. würde er überhaupt existieren? Wie würden wir unsaubere Zeitgenossen beschimpfen? Wie machen wir "es", wenn wir "es" nicht wie die Tiere machen können? Woher würde die Idee kommen, die "Krönung der Schöpfung" zu sein? Und wäre George Orwell je auf die Idee gekommen, einen Roman über eine "schweinische" Schreckensherrschaft zu schreiben?

Lust und Hölle

Eben. Eine Welt ohne Tiere ist eigentlich noch weniger vorstellbar als eine Welt ohne Menschen. Bei aller Liebe oder Abscheu brauchen wir sie. Psychologisch gesehen auch als Projektionsflächen - sie können sich ja nur bedingt wehren. In der religiösen Symbolik ist der Teufel das Tier. Zugeschrieben wurde "das Böse" per se. Satan, das zähnefletschende Viech, holt uns in die Hölle. Projiziert werden auch Lust und Zügellosigkeit. Der Ziegenbock als Sinnbild für die Sünde, für Unkeuschheit, personifiziert sich auch in der Gestalt des geilen Pan, dem Hirtengott aus der griechischen Mythologie.

Es ist und bleibt eine Metapher

Inwieweit das Anthropomorphismen sind (siehe Interview), spielt nicht die Hauptrolle. Die politische Interpretation der "Bolschewisten-Schweine" bei George Orwell wollen wir außen vor lassen. Aber offenbar nutzte Orwell mit einem literarischen Kunstgriff, den schon die Fabel kannte, das Prinzip der Projektion, um zu zeigen, wie stark und ungezügelt Emotionen wie Aggressivität zwischen Menschen wirken können. Ob Anthropomorphismen biologisch zu rechtfertigen sind, oder nicht, ändert nichts an der Tatsache, dass sie passieren. Es geht in "Farm der Tiere" auch nicht darum, sich die Tiere als Produkt einer quasi pervertierten Domestikation vorzustellen. Orwells Geschichte ist eigentlich eine Metapher, eine Metapher für maßlose Aggressivität, jenseits von Gut und Böse. Und sie hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Denn was könnte "bestialischer" sein, als eine öffentliche Hinrichtung im Internet oder ein Massaker an Jugendlichen in einem Sommerlager?

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