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Kultur
03/10/2019

André Heller: "Wir müssen mitfühlender werden"

Der Mahner und Poet über seinen Zaubergarten als Gegenentwurf, über Kern, Kickl, Strache und Van der Bellen.

von Thomas Trenkler

  • Ein Film über André Hellers Kindheit ist derzeit im Kino zu sehen. Aus diesem Anlass veröffentlicht der KURIER ein großes Interview mit dem Künstler.
  • Heller spricht darin über seinen Garten in Marokko - und die dortige politische Lage.
  • Aber auch die österreichische Innenpolitik ist Thema: Eine Regierungsbeteiligung der FPÖ ist in jeder Konstellation ein verlässliches Unglück, sagt er - und verweist auf Gespräche von SPÖ und FPÖ. Und: "Herrn Kickls Ansichten und Handlungen stehen eindeutig im skandalösen Widerspruch zu den Menschenrechtsverpflichtungen der Republik."
  • Und Heller kritisiert die "Entsolidarisierung des Kontinents" Europa: Er sieht darin eine "Verhöhnung der Bergpredigt und die wirksame Ausdünnung von Demokratie".

 

KURIER: Sie haben Ihren idyllischen Besitz in Gardone, hoch über dem Gardasee, verkauft – und sind nach Marrakesch übersiedelt. Was haben Sie mitgenommen? Die Kunstwerke?

André Heller: Nichts, außer der Bibliothek. Das ist eine wesentliche Übung, wenn man sagt: Ich reise mit kleinem Gepäck. Ich bin gut im Abschiednehmen. Mein ganzes Leben lang habe ich Projekte, wenn mir bewusst wurde, dass sie mich nichts mehr Wesentliches lehren können, freudigen Herzens gesegnet – und mich von ihnen getrennt. Je älter man wird, desto verantwortungsvoller muss man mit seiner verbleibenden Zeit umgehen. Sie ist – außer der Gesundheit – unsere kostbarste Ressource. Ob ich zwei oder drei Jahre für etwas einsetze, das ich schon kenne, oder für etwas, mit dem ich zwar spektakulär scheitern könnte, aber dafür Erfahrungen mache, die ich noch nicht habe: Dann entscheide ich mich für Zweiteres.

Warum gerade Marokko?

Ich besuchte es das erste Mal im November 1972 – und hatte dann die klare Empfindung, dass mir das Land sehr viel bedeutet. Ich war dort mit mir besser befreundet als irgendwo anders auf der Welt und habe mir mehr zugetraut. Als Heimat habe ich immer nur das Lachen meines wunderbaren Sohnes empfunden, die Musiken von Schubert und Bach, Gemälde von Monet und Picasso, Skulpturen von Giacometti und Filme von Carl Theodor Dreyer und Buster Keaton oder Bücher von Joseph Roth und Virginia Woolf. Marokko aber wurde mir die erste Heimat in Form eines Landes. Und da mir dort so viel an Inspiration begegnete, kam irgendwann der Punkt, wo ich mir sagte: Du musst den Menschen, die du dort kennengelernt hast, diesen – auch oft unter schwierigsten Umständen – niemals raunzigen Wesen etwas Substanzielles zurückgeben.

Und so entstand „Anima“?

Genau. Die meisten Freunde haben mich vor dem Risiko gewarnt. Sich auf eine schwierige Expedition einzulassen, gibt einem aber durchaus das Gefühl, noch sehr lebendig und strapazierfähig zu sein. Und man wird, zumindest im Fall von „Anima“, reich beschenkt mit der Bestätigung, dass diese Arbeit das Richtigste war, was man von sich verlangen konnte. Und es hat auch meinen politischen Überzeugungen entsprochen: Tätige dort, wo du selbst immer wieder sagst, dass man investieren muss – in Afrika – ein Investment, das deine Ersparnisse und Lebenserfahrungen aufs Sinnvollste nutzt!

Weil Sie den Menschen dort Arbeit geben?

Wir sind uns doch darüber einig, dass Afrika ohne Wenn und Aber Hilfe zur Selbsthilfe benötigt. Hunderte Millionen, vorwiegend junge Afrikaner brauchen eine Perspektive: Arbeit mit fairem Lohn, eine verlässliche medizinische Grundversorgung, sauberes Wasser und Würde, um nicht gezwungen zu sein, ihre krisendurchfluteten Länder auf gefährlichen Routen in Richtung Europa zu verlassen. Wenn in Afrika von westlichen Regierungen und Unternehmen nicht sehr, sehr viele Milliarden effizient investiert werden, wird uns die bittere Not, die unsere Ignoranz und Dummheit zu verantworten haben, in einem Maße überrollen, das jede Fantasie übersteigt. Die wirkliche Lösung der Flüchtlingsthematik kann nur das Schaffen von Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und zumindest sozialen Mindeststandards in den Herkunftsgebieten sein. Ich engagiere mich in Marokko, um im Rahmen meiner Möglichkeiten Arbeitsplätze – und dadurch für meine Mitarbeiter ein Selbstwertgefühl und einiges an Freude und Lebensqualität – zu schaffen. Wir sind einer der größten privaten Arbeitgeber in der Provinz Al Haouz am Fuß des Atlasgebirges. Aber das Projekt hat sich schon zu mehr als nur einem irdischen Paradies entwickelt: Wir haben in der Nachbarschaft eine Schule zur Alphabetisierung von Müttern und ihren Kindern mit ins Leben gerufen, ein kleines Solarkraftwerk installiert, die Wasserversorgung für 3.500 Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung ermöglicht. Ich hoffe, dass noch viel Nützliches hinzukommen wird.

Presse- und Meinungsfreiheit sind in Marokko eingeschränkt. Wie lässt sich das mit Ihren Einstellungen in Einklang bringen?

Wir haben, glaube ich, wenig Grund, hochmütig auf ein vielgeprüftes Land herabzuschauen, das im Aufbruch ist und durchaus Reformen vorantreibt. Ich beobachte einen ernst zu nehmenden Wandel zum Besseren. Einige Beispiele: Ein gesetzlich festgelegter Mindestlohn ist mittlerweile Pflicht, die Infrastruktur hat sich in den letzten Jahren mit Riesenschritten verbessert, der König ernennt den Premierminister aus jener Partei, die bei Wahlen die meisten Parlamentssitze erhalten hat, von internationalen Wahlbeobachtern wurden die letzten Wahlen durchweg als fair und frei bewertet. Ökologisch ist Marokko das Vorzeigeland Afrikas und vielen europäischen Ländern voraus. Seit Längerem gibt es ein Verbot von Plastiksackerln und es wurden gewaltige Projekte für nachhaltige Energiegewinnung verwirklicht. Die jüdische Gemeinde steht unter dem persönlichen Schutz des Königs. Der Menschenrechtsaktivist und Schriftsteller Abdel Choui wurde zum „hohen Rat“ der Haca ernannt, einem Aufsichtsorgan, das u.a. die Meinungsfreiheit im audiovisuellen Kommunikationsbereich garantieren soll. Die Berber bekamen wesentliche Rechte, ihre Sprache wurde endlich, neben Französisch und Arabisch, zur dritten Landessprache erhoben, sie erhielten einen eigenen TV-Sender. Es bleiben aber zweifellos noch viele ernste Baustellen, eine davon ist die unter den Nägeln brennende Jugendarbeitslosigkeit. Reformen zu unterstützen ist auch ein Ansatz von „Anima“.

Sie haben bereits etliche Gärten angelegt. Woher rührt Ihre Begeisterung dafür?

Fast jeder will lieben und geliebt werden und braucht Ermutigung. Aber wir sind häufig Spezialisten darin, nur für uns selbst Triumphales zu wünschen – und für die anderen, ohne dass es uns beunruhigt, Niederlagen. Diese zynische Egomanie ist unerträglich. Und weil sie unerträglich ist, macht sie uns krank. Sie entfremdet uns von den Qualitäts- und Empathiebedürfnissen unserer Seele. Und wenn wir asynchron mit diesen inneren Bedürfnissen leben, dann ist das à la longue eine Bestellung auf Untergang. Eine meiner Antworten auf Ratlosigkeit, körperliche und geistige Not und Verstörung ist die Schaffung von intensiven botanischen Zonen in den immer heißer werdenden Städten und auf dem Land. Zonen, die Menschen aller Altersgruppen und Ausbildungsgrade auszittern lassen, Inspiration und Besinnung ermöglichen.

Der Garten als Areal der Entschleunigung, als Gegenentwurf zur digitalen Welt?

Wenn Sie so wollen. Gärten sind Trost und Frieden, Heilung und Farben, Düfte und Nuancenreichtum, Kühle in der Hitze und ideale Andachtsräume. Ich erfahre jeden Tag, dass dieses Angebot dankbar angenommen wird. Es gibt dafür großen Bedarf, und es erreichen mich viele Anfragen und Einladungen zu Gartenprojekten. Derzeit plane ich den neuen Hofburggarten in Brixen.

Führt der Garten auch zu einer Erkenntnis?

Ich weiß, dass ich noch vieles lernen muss, aber ich besitze schon einiges an Lebenserfahrung. Deshalb sage ich beharrlich: Wir müssen mitfühlender werden! Mitfühlend, wohlgemerkt, nicht mitleidend. Mitgefühl ermöglicht die Fähigkeit, sich im anderen wiederzuerkennen, und aktiviert unser Bestes: die Güte, die Friedensfähigkeit, die Hilfsbereitschaft. Es ist der effizienteste Ratgeber, ein Kompass und lehrt uns unmissverständlich, dass Intoleranz, Überheblichkeit, Wegschauen keine Option sind. Die Menschheit ist ein großes Gewebe und alles ist mit allem verbunden, jede Existenz beeinflusst in bestimmter Weise jede andere, daher gilt es, behutsam und wie ein exzellenter Mikado-Spieler zu handeln. Bei allem, was uns an anderen stört, sollten wir als Reaktion untersuchen, ob wir dieses Störende nicht auch in uns finden, und wenn wir es in uns auflösen, löst es sich womöglich auch im anderen auf. Das sind Experimente, die mich seit Langem sehr beschäftigen.

Wenn Sie, wie Sie sagen, noch so viel zu lernen haben – und demnächst, am 22. März, Ihren 72. Geburtstag feiern: Wie geht es Ihnen mit dem Älterwerden?

Im Augenblick gut, aber alles hängt von der Gesundheit ab – und die wiederum von meinem Bewusstsein, meinen Gedanken und Taten. Ich bin sehr bemüht, nicht mein eigener Saboteur zu sein.

Und wie geht es Ihnen mit der politischen Situation in Europa?

Die EU ist das, wovon mein in zwei Weltkriegen innerlich devastierter Vater und seine Kameraden wahrscheinlich als unerreichbare Utopie geträumt haben. Jahrzehnte später, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, war uns Glückskindern die einzigartige Gnade vergönnt, diesen Traum eines geeinten Europas wahrwerden zu sehen und endlich eine verantwortungsvolle Lehre aus den Verheerungen des Nationalismus zu ziehen. Und jetzt erleben wir, wie Geschichtsblinde, „Unser Land zuerst“-Schreier in Ungarn, in Polen, in England, in Italien, in Frankreich, in Deutschland, auch in Österreich und vielen anderen Ländern die Entsolidarisierung des Kontinents, die Verhöhnung der Bergpredigt und die wirksame Ausdünnung von Demokratie herbeireden und herbeihandeln. Mich bestürzt das sehr.

Angesichts der Vorkommnisse in der österreichischen Innenpolitik scheinen Sie aber trotzdem recht gelassen…

Ich sehe das Zustandekommen der gegenwärtigen Situation ziemlich nüchtern. Fakt ist, dass auch die SPÖ nach den letzten Wahlen mit der FPÖ verhandelt hat. Sie wäre zur Absicherung ihrer Kanzlerschaft höchstwahrscheinlich in eine Koalition mit Herrn Strache eingetreten. Vergessen wir auch nicht, dass Christian Kern, der damalige Parteichef, unter keinen Umständen Vizekanzler unter Sebastian Kurz werden wollte. Ganz sachlich lässt sich festhalten: Eine Regierungsbeteiligung der FPÖ ist in jeder Konstellation ein verlässliches Unglück. Wir haben immerhin Alexander Van der Bellen als Bundespräsidenten. Er ist emphatisch, hochgebildet und kompetent, ein leidenschaftlicher Demokrat, Europäer und Weltbürger. Stellen Sie sich vor, in dieser heiklen Situation würde ein Herr Hofer in der Hofburg sitzen und er ließe sich von Herrn Vilimsky bezüglich des rot-weiß-roten Gedeihens beraten…

Aber auch die Äußerungen des Innenministers, der nun „Ausreisezentren“ ...

Herrn Kickls Ansichten und Handlungen stehen eindeutig im skandalösen Widerspruch zu den Menschenrechtsverpflichtungen der Republik. Ich wünsche ihm, nicht eines Tages auf lebenswichtige Hilfe angewiesen zu sein und dabei an jemanden mit seiner Haltung zu geraten. Sein politisches Kleingeld mit der persönlichen Lebenskatastrophe und dem Leid anderer zu verdienen, ist die Definition von „verwerflich“. Wir reden immer von Integration und übersehen dabei völlig, wie viele Mitbürger und Politiker unserer Republik à la Kickl nicht ausreichend in die Demokratie integriert sind. Übrigens halte ich den Aufstieg der FPÖ zu einem wesentlichen Teil für ein Arbeitsergebnis der ehemaligen SPÖ-ÖVP-Koalition, die über Jahrzehnte hinweg unfähig war, der galoppierenden Verbitterung, der häufig irrationalen Gedankenwelt, dem Aggressionsstau und den Wuteruptionen vieler Frauen und Männer in unserem Land mit Voraussicht, Geduld und klugen Bemühungen zu begegnen.

Ihr Vorschlag wäre?

Man kann, glaube ich, fast jedem Menschen durch Zuhören und Freundlichkeit das Gefühl geben, dass man ihn ernst nimmt. Und wenn jemand ernst genommen wird, ist er auch leichter in der Lage, Argumente anzunehmen, umzudenken und seinen Geist zu entgiften. Österreich darf nicht, wie Karl Kraus gemeint hat, eine Versuchsstation des Weltuntergangs sein, es könnte vielmehr ein Laboratorium für Gelungenes werden! Wir sind ja eines der reichsten und privilegiertesten Länder der Welt. Unter diesem Gesichtspunkt ist beispielsweise die Tatsache, dass jeder Siebente in Österreich von Armut betroffen oder armutsgefährdet ist, eine Schande sondergleichen.

Buchtipp: Bildband „Anima“

Albina Bauer, Lebensgefährtin von André Heller, hat das Projekt „Anima“ fotografisch begleitet – und einen wunderschönen bunten Bildband, ergänzt um einen Text von Andrea Schurian, veröffentlicht.

Bildband „Anima“, erschienen im Brandstätter Verlag,  160 Seiten, 29,90 Euro