Karl Markovics (re.) spielt den furchterregenden Vater des kleinen Paul Silberstein (Valentin Hagg)

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Kultur

Filmkritik zu "Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein": Bekennend merkwürdig

Rupert Henning zieht die Kindheitserinnerungen, die auf einer Erzählung von André Heller beruhen, allzu sehr in die Länge.

von Alexandra Seibel

02/28/2019, 05:01 AM

Schwer zu sagen, was ein „funkelnder Hundling“ eigentlich für ein Typ Mensch sein soll. Aber allein der Weg dorthin ist einen Versuch wert – findet zumindest Paul Silberstein, gepeinigter Zögling im katholischen Jesuiteninternat und Spross einer jüdischen Zuckerbäckerdynastie. Als gewitzter Knabe, dessen altkluge Stimme aus dem Off in Permanenz das eigene Treiben kommentiert, formuliert er seine Ängste und Vorlieben in langen Listen.

Grund zum Fürchten gibt es genug, zumal die Erziehungsmethoden im Kloster der 50er-Jahre schwer ans Sadistische grenzen. Paul begegnet den bedrückenden Umständen mit einer verspielten Gegenwelt. Er imaginiert sich als Napoleon, Zirkusdirektor und Zauberkünstler, schreibt verliebte Briefe an ein Mädchen jenseits der Klostermauern und faltet sie zu Papierfliegern. Oberste Maxime seines jugendlichen Handelns: „Bekenne dich zu deiner Merkwürdigkeit!“

Wie unschwer zu erkennen, stecken hinter der Menschwerdung des Fantasie beschenkten Buben niemand anders als der Unterhaltungskünstler André Heller und seine sichtlich im Autobiografischen wurzelnde, gleichnamige Erzählung.

Schelmenporträt

Nun kann man von den multimedialen Verwirklichungen André Hellers halten, was man will, eines ist er unbedingt: Ein höchst unterhaltsamer Erzähler. In diesem Sinne hätte Regisseur Rupert Henning gut daran getan, ein knackiges Schelmenporträt vor großbürgerlichem Spießerhintergrund im post-nazistischen Wien zu entwerfen. Dort, wo die Ex-Nazis alle Fleischhauer von Beruf sind und sich zur Buße gegenseitig mit Fleischbrocken abwatschen.Und wo der konvertierte Familienvater in der französischen Uniform in seinem Palais auf einen Anruf von Charles de Gaulle wartet.

Karl Markovics gibt den verbitterten Vater und opiumsüchtigen Haustyrann derartig expressiv, dass selbst ein Herzinfarkt kaum noch eine Steigerung zulässt. Als sein geplagter Sohn spielt der 14-jährige Newcomer Valentin Hagg den kleinen Silberstein temperamentvoll und erfrischend unlieblich.

Allerdings neigt Henning dazu, jeden Regieeinfall bis ins kleinste Detail auszubuchstabieren. Dadurch geraten die kindlichen Inszenierungen der eigenen Auserwähltheit an die Grenze zum Narzissmus. In kunstfertigen Bildern – oft aus der Schlüssellochperspektive – wird die Handlung unnötig ins Mehrstündige zerdehnt, sodass man sich als Betrachterin manchmal gerne dem Credo von Paul Silberstein anschließen würde: „Ich habe anderes mit mir vor.“

INFO: Ö 2018. 140 Min. Von Rupert Henning. Mit Valentin Hagg, Karl Markovics, Sabine Timoteo.

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