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Kultur
01/14/2019

Alien-Spekulation eines Harvard-Professors passt wunderbar zu Science Fiction

Ein echter Harvard-Professor spekuliert, dass ein Himmelskörper von Aliens stammte. Dessen Form erinnert gespenstisch an eine aktuelle, fantastische Buchtrilogie.

von Georg Leyrer

Das kennt man! Viele, viele Science-Fiction-Storys – von „Independence Day“ auf- und abwärts – fangen mit einem Wissenschaftler an, der etwas entdeckt hat, und keiner hört ihm zu, bis, nun ja, die grünen fiesen Alien-Dinger schon Menschen aufessen.

Diesmal gibt es diesen Wissenschaftler in Echt: Der Chef (immerhin) der Astronomie-Abteilung in Harvard, Abraham Loeb, gibt derzeit Interviews in renommierten Medien. In denen sagt er: Ein eigentümliches Gebilde, das unser Sonnensystem durchquert hat, könnte durchaus Teil einer Aufklärungsmission von Außerirdischen gewesen sein.

Na habe die Ehre. Das zigarren- oder palatschinkenförmige Ding wurde Oumuamua genannt (hawaiianisch für „erster entfernter Bote“), hat im Sonnensystem beschleunigt – und die Wissenschaftler (auch jene, die nicht glauben, dass es von Aliens gebaut wurde) vor einige Rätsel gestellt. Loeb sagt: Oumuamua könnte eine von zahllosen Erkundungssonden sein – und damit außerirdischen Usprungs.

Es glaubt ihm niemand.

Erster Kontakt

Womit wir wieder bei der Science Fiction wären: Denn Oumuamua selbst und der einsame Wissenschaftler, der sich vor den Vorhang stellt, zeigen gespenstische Parallelen zur bedeutsamsten Genre-Trilogie der letzten Jahre. In Liu Cixins Trisolaris-Erzählung ist der erste physische Kontakt zwischen Menschen und einer außerirdischen Zivilisation – eine zigarrenförmige Sonde. Und von da an, der Genrefreund erahnt es, geht es abwärts.

Es ist eine Lektüre, die sich lohnt, auch wenn Oumuamua unser Sonnensystem schon wieder verlassen hat. Der chinesische Autor Liu Cixin hat in drei umfangreichen Bänden – der letzte, „Jenseits der Zeit“, erscheint im April auf Deutsch – ein wüstes Weltenpanorama errichtet, das vor dem ersten Kontakt beginnt und bis ans Ende des Alls führt, ohne besonders überspannt zu wirken.

Und er verhandelt in all dem ein Thema, das mit Loebs Alien-Spekulationen wieder in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit treten sollte: Die Frage nämlich, ob die Kontaktaufnahme mit etwaigen Außerirdischen wirklich so eine gute Idee wäre.

Die Menschen schleudern einen Gruß durchs All. Der wird beantwortet. Zuerst mit einem Computerspiel (das erklärt sich!). Dann mit zahlreichen Oumuamuas (und einem Käfig, der die Menschen daran hindert, wissenschaftlichen Fortschritt zu machen). Und zuletzt mit Krieg, der aber nichts mit großen Weltraumschlachten zu tun hat (eine gibt es auch, aber die ist unnötig). Sondern mit dem unbedingten Vernichtungswillen aus Selbstschutz, den – so zumindest die Argumentation des Buches – alle höheren Zivilisationen gegen alle anderen entwickeln müssen.

Wenn Oumuamua also wirklich ein erster Gruß aus dem „dunklen Wald“ (so der Titel des zweiten Bandes) des Weltalls gewesen wäre, dann wäre das superspannend. Und laut Buchvorlage der Anfang von gewaltigen Problemen. Die Trisolaris-Trilogie begleitet die Menschheit aus der Abgeschiedenheit hinein in diesen dunklen Wald, der bevölkert ist von Anderen. In die psychologischen Abgründe einer technologisch hilflos unterlegenen Art. In die falsche Sicherheit derjenigen, die auf Schwächere treffen. Vor allem aber in die Erkenntnis:

Wir sind für die Frage, ob die Suche nach Kontakt mit anderen gescheit ist, überhaupt nicht gerüstet.

Und tun es trotzdem.

Flieg, Hirn, flieg

Eines der zentralen Motive der Trilogie ist, dass etwas durch das Sonnensystem fliegt. Ein einsames, schockgeforenes Hirn. Menschen, die sich angesichts der Unendlichkeit innerhalb weniger Stunden wieder entzivilisieren. Städteraumschiffe, die im Windschatten von Planeten Zuflucht suchen. Am Ende dann – im erst auf Deutsch kommenden Band – fliegt ein letztes Etwas durch das Sonnensystem, ein Etwas, bei dem man sich Oumuamua zurückwünschen würde, wenn man könnte. Das alles ist so fabelhaft erzählt, wie es nur bleibenden Werken des Kanons gelingt. Es tummelt sich das Menschliche, die größten Katastrophen haben ihre Wurzeln im kleinsten Gefühl.

Und alle paar Dutzend Seiten wird dem Leser der Boden unter den Füßen weggezogen. Etwa, wenn man durchschaut, wofür das Computerspiel gut war.

Wenn man einem der handelnden Menschen auch als Leser nicht mehr vertrauen kann – aus Schutz gegen die Aliens. Wenn die Menschheit verraten wird – oder sich selbst verrät. Wenn ein Fluch, der auf einen Stern geworfen wird, dort ankommt.

Unmenschlich

Das Wundersamste an den Büchern: Liu Cixin verliert nie die Perspektive. Na gut, ein Mal schon. Den bescheuerten Ameisen-Einstieg ins zweite Buch darf man leider nicht überblättern, da passiert Entscheidendes! Sonst aber erzählt er in klarer Sprache Menschengeschichten aus einem unmenschlichen Universum, das wir noch nicht kennen.

Literatur wird hier zum Übungsparcours für schwierigste Fragen, die durch Loebs Spekulationen plötzlich näher rücken. Man darf ruhig ein paar Einwände haben (dass die Handelnden im Tiefschlaf aufbewahrt werden, um bei entscheidenden Momenten wieder zur Verfügung zu stehen, ist allzu durchschaubar). Aber die Bücher sind auch für Menschen, die das Genre immer noch für ein bisserl kindisch halten, empfehlenswert.

Das findet auch der Gigant Amazon: Prime Video will sich – heißt es unbestätigterweise – für eine Milliarde Dollar die Verfilmungsrechte an der Trilogie sichern.