Ein gutes Jahr für Science-Fiction – leider

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Foto: /David Dettmann/Netflix "Black Mirror" wurde von der Realität eingeholt

Heuer wurde allzu vieles Realität, das in Romanen und Filmen vorausgesagt wurde.

Es sind ja, so heißt es oft, schwierige Zeiten für Kabarettisten: Denn die Politik ist an und für sich schon so skurril, dass die kabarettistische Überspitzung immer schwieriger wird.

An die armen Science-Fiction-Autoren aber denkt keiner.

Auch deren Visionen wurden 2016 rechts und links von der Realität überholt. Das einst belächelte Genre ist, wie zuvor die Superhelden, einerseits mitten im Mainstream angekommen.

Und zugleich war 2016 das Jahr, in dem zu viele der erstaunlichsten Ideen Wirklichkeit wurden. So hatten die Autoren, Filme und Serien des Science Fiction 2016 ein gutes Jahr – leider.

Als eindrücklichstes Beispiel darf einer der größten Hypes der ohnehin schon dauergehypten Streamingfernsehserien-Welt dienen: "Black Mirror", zu sehen auf Netflix, zeigt die Welt, wie sie in wenigen Jahren sein könnte, und es ist keine schöne. Sondern eine, in der sich die Politik nicht mehr gegen ihren eigenen Populismus zur Wehr setzen kann; in der der soziale Zusammenhalt dank Internet aufgelöst wird; und in der die Technologie zu helfen vorgibt – aber in Wahrheit die Welt in ein Zerrbild ihrer selbst verwandelt. Alles erschreckend realistisch.

Die dritte Staffel begann aber mit einer Folge, die schon fast zu überspitzt erschien: Sie zeigt eine Welt, in der die gegenseitige Bewertung auf den Sozialmedien ganz reale Auswirkungen hat. Es heißt immer Lächeln, immer Freundlichsein, immer Beherrschtsein, sonst setzt es eine schlechte Wertung vom Gegenüber. Und wenn man viele davon kriegt, sinkt nicht nur das Online-Prestige. Sondern auch die Chance, eine gute Wohnung zu bekommen, oder eine Beförderung oder das bessere Büro. Die Welt gehorcht hier einer Sternderlwertung.

Und noch bevor man fertig gedacht hatte: "Geh bitte, so weit wird es nicht kommen", belehrte einen die Realität eines Besseren: Es kam – kein Schmäh! – die Nachricht, dass China all seinen Bürgern eine Wertung geben will. Und von der sollen alle Bereiche des Lebens abhängen. Probleme beim Kredit? Kritik an der Regierung? Bei Rot über die Ampel? All das senkt diese Bewertung, und davon hängt ab, in welche Schule die Kinder gehen dürfen oder wie oft man von der Polizei gefilzt wird.

Schöne neue Welt!

Wie überhaupt das surrende Geräusch, das Sie während des Jahres gehört haben, wenn es still war, von der sich beschleunigenden Kreiselbewegung George Orwells in seinem Grab hervorgerufen wurde. Es trägt der Mensch des Jahres 2016 nämlich nicht nur ein smartes Überwachungsgerät in seiner Hosentasche, das signalisiert, an welchem Werbeplakat er vorbeigegangen ist (Filmempfehlung: "Sie leben" oder auch "Minority Report"), das hin und wieder mithört (aber nur, um Musik zu empfehlen!), das aufzeichnet, wo man war und weiß, wann man schläft.

Das kann doch nicht alles sein, daher stellt der Mensch des Jahres 2016 auch ein Mikrofon in sein Zimmer, das seine Gespräche aufnimmt. Amazon und Google bieten darartige Geräte an; der Nutzen: Sie spielen einem die gewünschte Musik vor, antworten auf Suchanfragen oder helfen beim Einkaufen. Ein guter Tausch gegen die letzten Reste der Privatheit in den eigenen vier Wänden? Hören Sie auch "Big Brother" lachen?

Internet blöder Dinge

A propos: 2016 war auch das Jahr, in dem es Datenschutzprobleme mit Kinderspielzeug gegeben hat. Und in dem Sexspielzeug auf den Markt kam, das die Nutzungsdaten ins Internet hochlädt (wie lange, wie schnell, wie oft); zum Jahresausklang waren Sexroboter plötzlich eine reale Möglichkeit ( Paolo Bacigalupis "The Windup Girl" und vieles von William Gibson, aber auch von Margaret Atwood bietet gute Wegweiser durch die Zukunftsfragen der Sexualmoral).

Es wurde ein US–Präsident gewählt, der von "Zurück in die Zukunft" vorausgesagt wurde, was lustig gemeint war. Dieser wurde von russischen Hackern unterstützt (klingt wie Science Fiction, ist es aber nicht, Serienvorschlag: "Mr. Robot"). Und verlautete, wieder ins Nuklearwaffenrennen einsteigen zu wollen, was an Reagans "Star Wars" erinnert und daran, dass die gleichnamige Filmserie derzeit wieder alle Kinorekorde bricht.

2016 begann, auch nicht eben beruhigend, das sonst nicht von Selbstkritik belastete Silicon Valley zögerlich, aber doch vor sich selbst zu warnen: Einerseits würde die Roboterisierung der Arbeitswelt möglicherweise für Unruhen sorgen, heißt es aus jenem Ort, der diese Roboterisierung möglich gemacht hat (für Science-Fiction-Bezüge: Asimovs "I, Robot"-Sammlung nachlesen, nicht den Film anschauen).

Unintelligenz

Und andererseits könnte die gerade mit aller Macht beforschte künstliche Intelligenz auch katastrophale Auswirkungen haben, bis hin zur Vernichtung der Menschheit, wie etwa Stephen Hawking seit Jahren sagt (Filmvorschlag: "Matrix"). Die Message ist im Silicon Valley angekommen; aber nicht bei den Menschen. Die hatten 2016 Wichtigeres zu tun: Fake News auf den sozialen Medien zu teilen.

Die einst für ihre politische Kraft gepriesenen Plattformen wurden 2016 zum spürbaren Schaden für die Demokratie. Zwar war nicht alles so aufgeregt, wie es schien - aber die schiere Datenmenge und die genaue Lokalisierung, welcher User mit welcher politischen Gesinnung wo wohnt, ist ein vorhersagbarer Alptraum für legale Wahlmanipulation.

Genauso, wie die Fake-News-Farmen. Und die geplanten Gegenmaßnahmen – Gesetze gegen falsche Nachrichten, sprich dass der Staat bestimmt, was wahr ist – wiederum sind ein tolles Einfallstor für all das, was das Wahrheitsministerium in "1984" ausmacht.

Für 2017 wünschen wir uns weniger von all dem. Und mehr "Star Trek".

(kurier) Erstellt am
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