Kultur 12.03.2018

Akademietheater-Uraufführung mit Tobias Moretti: Zehn Minuten Großartigkeit

ABD0053_20180307 - WIEN - ÖSTERREICH: Gertraud Jesserer (Julia,L.), Sabine Haupt (Charlotte) und Tobias Moretti (Romeo) während … © Bild: APA/ROBERT JAEGER

"Rosa oder Die barmherzige Erde" von Luk Perceval und mit Tobias Moretti im Akademietheater.

Eine packende Szene: Die Tochter (gespielt von Sabine Haupt) besucht ihren Vater (gespielt von Tobias Moretti) im Pflegeheim. Sie bekommt den Eindruck, dass die Pfleger ihrem Vater seine Würde nehmen und steigert sich deshalb in einen beeindruckenden Wutanfall.

Dieser mündet in tiefe Verzweiflung: Ihre Ehe scheitert gerade, sie hasst Mutter und Bruder, sie spürt das nahende Alter – und all das will sie ihrem Papa erzählen, sie will seinen Rat. Aber er ist dement (oder spielt das zumindest). Schließlich setzt sie sich ihm auf den Schoß und schlingt seine Arme um sich. Und weil es schon egal ist, zündet sie sich eine Zigarette an, obwohl sie immer verheimlicht hat, dass sie raucht. Und er nimmt sich auch eine, obwohl sie auch ihn für einen Nichtraucher hielt.

In dieser kleinen Geste können Vater und Tochter, sprachlos, noch einmal kommunizieren.

Schließlich geht sie und lässt ihm die Zigarettenpackung da.

Faszinierend

Sabine Haupt und Tobias Moretti spielen diese großartige Szene so wunderbar, so berührend und tief traurig, dass man kaum zu atmen wagt. Es sind faszinierende, hinreißende zehn Minuten.

Leider sind die übrigen 80 Minuten dieser Vorstellung ganz anders.

Der flämische Theatermacher Luk Perceval hat für "Rosa oder Die barmherzige Erde" Motive aus einem Roman von Dimitri Verhulst und von Shakespeares "Romeo und Julia" montiert. Ein Mann hat genug von seiner Familie und seiner bürgerlichen Existenz und täuscht Demenz vor, um im Pflegeheim seine Ruhe zu finden.

Dort trifft er auf seine Jugendliebe, die tatsächlich dement ist. Da er mit ihr nicht kommunizieren kann, fantasiert er sich in Szenen von "Romeo und Julia" hinein.

Das klingt in der Theorie sehr spannend. In der Praxis geht das überhaupt nicht auf, weil in Percevals raunender Regie keine Handlung mehr zu erkennen ist. Vielleicht wollte Perceval ja den Zuschauern einen Eindruck von Demenz vermitteln – aber wenn man kaum eine Ahnung hat, wer hier gerade wen spielt und warum, wird einem irgendwann schlicht sehr langweilig.

Moretti eindrucksvoll

Tobias Moretti spielt die Hauptfigur in Pyjama und Windelhose auf ihrem Weg von gespielter zu tatsächlicher Umnachtung sehr, sehr eindrucksvoll. Gleichzeitig ist diese Besetzung ebenfalls nicht unproblematisch, weil man sich ständig denkt: Der ist doch viel zu jung und vital (da hilft all das Haar-Grau und der sehr genau gespielte Habitus eines Greises auch nichts).

Sabine Haupt spielt als Tochter grandios, Gertraud Jesserer tönt manchmal sehr pathetisch, und warum "Pflegerin" Sylvie Rohrer beim Pflegen autoerotische Gedanken denkt, bleibt rätselhaft. In den übrigen Rollen wird unauffällig gespielt.

Vergissmeinnicht

Auch das Bühnenbild von Katrin Brack trägt zur Verwirrung bei: Das Pflegeheim besteht aus einer halbrunden Tribüne, auf der Greisinnen sitzen (der "Vergissmeinnicht-Chor") und manchmal durch Gesten und Geräusche das Geschehen kommentieren. In der Mitte befindet sich eine Drehbühne, auf der Moretti Richtung Erschöpfung laufen darf.

Die hochdramatischen Heul-Gesänge, Atemgeräusche und durchs Mikrofon geflüsterten Wortfetzen gehen einem, um ehrlich zu sein, bald ziemlich auf die Nerven. Manches wirkt auch unfreiwillig komisch, einige Zuschauer müssen sich sichtlich das Lachen verbeißen.

Am Ende gibt es Jubel für Tobias Moretti und höflichen Applaus für Perceval und sein, man muss es sagen, gescheitertes Experiment.

( kurier.at ) Erstellt am 12.03.2018