Kultur
23.12.2011

Adrià: Der beste Koch der Welt als Filmstar

Adriàspielt die Hauptrolle in der Filmdoku "Cooking in Progress". Genuss-Redakteur Alexander Rabl hat sich den Film angesehen.

Genaugenommen ist Ferran Adrià gar nicht mehr der beste Koch der Welt. Sein Restaurant El Bulli hat im vergangenen Juni zugesperrt. Der Platz in der Bestenliste des San Pellegrino-Führers, der sich da rankingmäßig unheimlich wichtig macht, gehört seit zwei Jahren dem Dänen René Redzepi. Doch keine Zweifel besteht, dass Adrià zu den wichtigsten kulturellen und geschäftlichen, aber auch kommerziellen Weltfiguren der letzten zwanzig Jahre zählt.

Das Restaurant El Bulli in Rosas wurde zu einer gehypten Pilgerstätte für Feinesser mindestens wie für Köche, die bei Adrià Häferlgucken wollten. Salziges Eis, Spaghetti aus Gelée, Texturen, Kaviar aus Melonen oder Gurken gab es in den letzten Jahren in jeden zweiten Restaurant der Welt. Für seine Epigonen konnte Ferran Adrià nichts. Er meinte es wirklich ernst mit seinem Streben nach einer Neudefinition der Feinschmeckerküche. Für am Kochen interessierte Menschen ist die Doku "El Bulli - Cooking in Progress" also so interessant wie eine Doku über FC Barcelona für den Fußballfan oder eine über die Sanierung der Sixtina für den Kunsthistoriker. Das Thema passt also, und wie ist der Film selbst?

Er startet mit dem Abzug der El-Bulli-Mannschaft aus dem Restaurant in einer Meeresbucht bei Rosas. Es geht mit den Geräten und anderen Ausrüstungen in ein Atelier nach Barcelona. Aufbruchsstimmung. Jetzt ist ein halbes Jahr Zeit, um an neuen Kreationen zu arbeiten, die im kommenden Jahr die Welt verblüffen sollen. Zwei El-Bulli-Köche widmen sich dem Thema Süßkartoffel. Die Kamera folgt den Bewegungen der Köche. Ohne Kommentar der Filmemacher erschließt sich dem Zuschauer der Prozess des kreativen Nachdenkens und der Entstehung von etwas vollkommen Neuem.Details: Die Lamellen eines Pilzes werden so geschnitten, dass sie - gebraten - wie ein Rösti wirken.

Adrià ist mehr Kreativchef als Koch. Er läßt sich von seinen Köchen Ideen vorlegen, überlegt, entscheidet und macht Verbesserungsvorschläge. Der Ehrgeiz: Etwas noch die Dagewesenes auf den Teller oder ins Glas zu bringen. Die endgültige Komposition, das soll es sein.

Der Filmemacher Gereon Wenzel verfolgt mit seinem Team fasziniert, aber distanziert und kühl die Arbeit im El Bulli. Schon die Musik signalisiert, dass wir es hier nicht mit einem klassischen Ritual einer traditionellen Sterne-Küche zu tun haben. Der Glamour der Sterneküche fehlt den zum Erfinden verurteilten El-Bulli-Köchen vollkommen. Sie könnten auch im CERN-Labor arbeiten. Oder in den Entwicklungsabteilungen bei Apple. Ruhige Konzentriertheit herrscht während großer Teile des Films.

Teilweise wirkt er auch etwas museal, wenn man bedenkt, dass mit der Schließung des El Bulli im vergangenen Sommer auch die Molekularküche zu Grabe getragen wurde. Von wenigen Topköchen wie dem Spanier Ferran Adrià oder dem Engländer Heston Blumenthal abgesehen, wirkte sie fast immer lächerlich. Eislutscher aus Sellerie - wer wollte das wirklich essen?

Die Kinogänger, die werden jedoch auch fasziniert sein von einer Welt, in die es bisher wenige Einblicke gab. Köche als Kreative und Künstler. Der immense Druck, sich Neues einfallen zu lassen. Geschmacksschule über Bilder und Töne. Immerhin: Kinokarten sind leichter zu bekommen als es ein Tisch in Rosas jemals war.