"A Dangerous Method": Höhepunkt am Lido

Erst Freunde, dann Gegner: C. G. Jung (Michael Fassbender, li.) auf Wien-Besuch bei Doktor Freud (Viggo Mortensen) in David Cronenbergs großartigem Film "A Dangerous Method".

Filmfestival Venedig: David Cronenbergs grandioser Freud-Film "A Dangerous Method" ist ein Höhepunkt im Wettbewerb am Lido.

Sigmund Freud und Carl Gustav Jung sitzen im Wiener Café Sperl und essen Sachertorte mit Schlag. Dann drehen sie eine Runde im Park des Belvedere und denken über die Psychoanalyse nach. In Freuds Wohnung schließlich, in der Berggasse 19, diskutieren sie nächtelang einen Traum von C. G. Jung.

Wien der Jahrhundertwende

Wir befinden uns im Wien der Jahrhundertwende - und in einem hervorragenden Film des kanadischen Meisterregisseurs David Cronenberg: Als dieser gemeinsam mit seinen Schauspielern Michael Fassbender, Viggo Mortensen und Keira Knightley seinen Wettbewerbsbeitrag "A Dangerous Method" ("Eine dunkle Begierde") am Lido präsentierte, brandete ihm tosender Applaus entgegen. Völlig zu Recht.

Cronenbergs schnörkellos und kraftvoll erzählter Historienfilm ist zweifellos einer der ersten großen Höhepunkte im Hauptwettbewerb um den Goldenen Löwen. In kristallklaren, luftigen Bildern erzählt der Genre-Virtuose ("Eastern Promises") die Geschichte der Beziehungen zwischen Sigmund Freud (Mortensen), seinem um beinahe zwanzig Jahre jüngeren Kollegen C. G. Jung (Fassbender) und deren gemeinsamer Patientin Sabina Spielrein (Knightley). Gleich zu Beginn unterfüttert Cronenberg seinen lichten Biografie-Film mit Horror-Untertönen, wenn er eine schwarze Pferdekutsche auf ein Schweizer Sanatorium zurasen lässt. Im Inneren der Kutsche kämpft eine kreischende junge Frau mit ihren Begleitpersonen.

Machtspiel zwischen Freud und Jung

Es ist Sabina Spielrein, die erste Patientin, die von C. G. Jung mithilfe der Psychoanalyse geheilt, später seine Geliebte und schließlich anerkannte Analytikerin werden wird. Cronenberg macht Spielrein zur Schlüsselfigur im Machtspiel zwischen Freud und Jung - sie war es auch, die Freud zu seiner Theorie des Todestriebes inspirierte. Mit unglaublichem Sinn fürs historische Detail, aber abseits von überladenem Geschichtskitsch, lotet Cronenberg die (amourösen) Dynamiken aus, die die Formierung der Psychoanalyse mitbedingten: "Es ist eine unglaubliche Herausforderung, eine historische Zeitperiode zu erzählen", erklärte Cronenberg auf seiner Pressekonferenz: "Vor 100 Jahren funktionierte das Gehirn der Menschen anders als heute. Daher kann man nicht einfach Schauspieler in ein Kostüm stecken, sondern muss sich fragen: Wie haben die Leute damals ihre Kleidung getragen, was hat das Gewand für sie bedeutet? Denn die Menschen hatten damals ein anderes Nervensystem."

Was den Bruch zwischen Freud und Jung anbelangt, schlägt sich Cronenberg auf Freuds Seite: "Jungs Methode hat sich in eine religiöse Richtung hinbewegt. Das hat Freud ihm vorgeworfen. Und da hatte er recht."

Buh-Rufe

Wilde Buh-Rufe hingegen löste Philippe Garrel mit seinem französischen Wettbewerbsbeitrag "Un été brûlant" aus - da half auch der kurze Nacktauftritt der schönen Monica Bellucci nichts, der schon im Vorfeld für Spekulationen sorgte.

Tatsächlich schreckt Garrel nicht vor großen, Pathos-nahen Gesten zurück, wenn er über die Unmöglichkeit der Liebe und das Scheitern von Existenz nachdenkt: Garrels eigener Sohn Louis spielt einen jungen Maler, der an der Beziehung zu seiner Frau (Bellucci) zerbricht. Doch gerade Garrels fast naive Bedingungslosigkeit, mit der er von Liebe erzählt, gibt seiner Arbeit ihre zerbrechliche Schönheit. Und so sehr die meisten Journalisten "Un été brûlant" auch hassten, zumindest Monica Bellucci erhielt auf der Pressekonferenz einen Sonderapplaus.

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(kurier) Erstellt am
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