© Jon Hall/Netflix

Kultur
01/14/2020

Acht Dinge, die Eltern von "Sex-Education" über Teenager-Sex lernen

Am 17. 1. startet Staffel 2 der Netflix-Serie. Was Mütter und Väter dadurch erfahren, analysiert eine Sexualpädagogin.

von Gabriele Kuhn

Sex im TV? Das kann peinlich werden. Nicht so in der Netflix-Comedy-Serie „Sex Education“, die vor einem Jahr startete und am 17. Jänner in Runde 2 geht. Das britische Format zeigt auf  authentische, tiefgründige und zugleich lustige Weise die Nöte und Sorgen  von Teenagern – vor allem sexueller Natur, aber nicht nur. Hauptfigur ist Otis Milburn (16, gespielt von Asa Butterfield), der mit seiner Mutter Jean, einer alleinerziehenden und umtriebigen Sexualtherapeutin (dargestellt von der fantastischen Gillian Anderson), in einem Haus lebt. Otis ist zwar permanent mit Sex konfrontiert, er selbst hat damit Probleme.

Rein theoretisch weiß er aber fast alles über das Thema Nr. 1, daher motiviert ihn Mitschülerin Maeve, anderen Ratschläge zu erteilen – gegen Geld, natürlich. Das ist so lustig wie lehrreich – auch für Erwachsene. – Was Mamas und Papas von „Sex Education“ über das Liebesleben von Teenagern lernen können, hat Bettina Weidinger vom Österreichischen Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie analysiert.

Wenn Teenager über Sex reden, geben sie nicht nur an.

"Klar wird gelacht, geprahlt und geflunkert. Aber es werden auch Infos ausgetauscht – und im Idealfall  richtige Fakten übermittelt,  etwa über Notfallverhütung oder auch die Lösung in Bezug auf gesellschaftlich etablierte Sexmythen. Eine Art „Nachhilfe“ funktioniert aber nur, wenn der oder die 16-Jährige wirklich viel weiß. Eigene Erfahrungen sind übrigens nur selten eine gute Basis, um anderen sinnvolle Infos zu geben, eben weil sie individuell und nicht allgemein gültig sind."

Eltern sollten über ihr eigenes Intimleben  schweigen.

"Hier gibt es eine klare Grenze, diese durch eine Form von Offenheit zu durchbrechen, indem womöglich Intimes ausgetauscht wird, ist eine Grenzüberschreitung. Die Sexualität der Eltern geht die Kinder nichts an – und umgekehrt. Grenzen werden immer dort überschritten, wo Eltern über persönliche, intime Erfahrungen mit ihren Kindern sprechen – etwa Erregung, Orgasmus, Selbstbefriedigung. Das bedeutet aber nicht, dass intime Themen nicht besprochen werden sollen. Das sollen sie – aber immer auf einer Metaebene und weitab vom Persönlichen."

So verwirrend ist das „sexuelle Erwachen“ wirklich.

"Die sexuell überforderte Jugend ist ein Klischee, mit Sicherheit gibt es aber viele Erwachsene, die damit überfordert sind, anzuerkennen, dass das (eigene) Baby jetzt jung, erwachsen und sexuell aktiv ist. Viele Jugendliche haben in erster Linie damit zu kämpfen, dass ihnen von Erwachsenen Fehlinformationen gegeben werden und dass die natürliche Ansammlung sexueller Basiskompetenzen – die etwa auch inkludiert, Infos einzusammeln oder sexuelle Erfahrungen mit sich selbst zu erleben – von klein an verhindert wird. Die so genannten „Jugendprobleme“ sind in Wirklichkeit Erwachsenenprobleme.  Übrigens: Das Internet bietet nicht nur falsche Informationen. Ob jemand damit umgehen kann, ob Pornos als Ideal gesehen werden oder nicht, liegt daran, welche Kompetenzen bereits erlernt wurden. Auch wichtig: Niemand wird plötzlich 15. Es geht letztendlich darum, was in den ersten 15 Lebensjahren passiert ist. Wenn es einen respektvollen Umgang zwischen Eltern und Kindern gab, dann wird dieser bleiben. Wenn 15 Jahre lang positive Rückmeldungen, ausreichend soziale und Freizeitangebote stattgefunden haben, dann haben wir es mit jungen Menschen zu tun, die vielleicht Unsicherheiten in Bezug auf die Konstruktion als Erwachsene fühlen,  aber grundsätzlich stabil sind und wissen, wer als Ansprechperson zur Verfügung steht."

Ich bin noch Jungfrau!“ – vom Druck, „es endlich“ zu tun.

"Es gibt kein „richtiges“ Alter für Geschlechtsverkehr. Es ist wichtig,  das so genannte „Erste Mal“ zu entmystifizieren. Gelingt das nicht, dann wird dieser Event zum höchst emotionalisierenden Thema. Und das macht dann Druck – wie soll denn da die Lust die Regie übernehmen? Und ja, es gibt tatsächlich Jugendliche, die  „es hinter sich bringen“ möchten. Was für eine Formulierung – und genau aus diesem Druck heraus, entstehen oft Lügen. Wenn dieses Thema aber im Rahmen der sexuellen Annäherung mit einer anderen Person offen und differenziert besprochen wird, gibt es häufig ein Aufatmen. Druck lässt sich  nehmen, aber ohne Moral. Es geht auch nicht darum, zu „warten“  – und ebenso nicht um Performance."

Homosexuell – so schwierig ist das „Outing“ für Teenager.

"Auch hier liegt die Schwierigkeit in den Erwachsenen – und den Vorbildern, die ja vor allem Erwachsene steuern. Die „Paarnormalität“ in Filmen ist immer noch heterosexuell – Paare in Büchern sind hetero, auch in den Aufklärungsbüchern für Kinder, wo Sexualität vor allem zum Zwecke des Kinderkriegens dargestellt wird. Das ist  weit weg von den sexuellen Möglichkeiten eines Menschen. Deshalb ist es schwierig, wenn sich ein Junge in einen Jungen verliebt oder ein Mädchen in ein Mädchen. Und nur deshalb ist ein Outing nötig, weil es keine „gesellschaftliche Normalität“ diesbezüglich gibt, da ist auf gesellschaftlicher Ebene noch viel zu tun."

Otis klärt als „Jungfrau“ auf - was es an Erfahrung braucht, um Sex zu „verstehen“.

"Sexuelle Kompetenzen beziehen sich nicht darauf, wie oft jemand  sexuelle Kontakte mit anderen hatte. Sie beziehen u.a. folgende Fähigkeiten mit ein: Fehlinfos von Realinfos unterscheiden zu können, einen guten Bezug zum eigenen Körper und zum eigenen Geschlechtsorgan haben, Emotionen und Gefühle wahrnehmen, verarbeiten und formulieren  können, mit anderen in Kontakt treten können – und kommunizieren. Miteinander reden und zuhören können sind wichtige Fähigkeiten und manchmal bereits die Lösung des Problems, unabhängig davon, was geantwortet wird."

Wie wichtig es ist, über Geschlechtskrankheiten zu sprechen, ohne Sex  als „gefährlich“ einzustufen.

"Das ist wie im Straßenverkehr: Ich muss nicht dauernd über grausige Unfälle sprechen, aber es muss klar sein, dass auch Negatives passieren kann.  Und es muss differenziert über ein mögliches Risikoverhalten geredet werden. Wenn Sexualaufklärung aber nur aus Infos über Krankheiten und Verhütung besteht, dann wird Sex als etwas Schlechtes vermittelt."

Aufklärung durch TV-Formate kann sinnvoll sein.

"Sex Education“ ist ein zeit- und altersadäquates Format mit breiter Wirkung. Blöd wäre es, wenn über so eine Schiene womöglich Falsches verbreitet wird. Insofern ist es immer wichtig, wenn ein multiprofessionelles Expertenteam hinter solchen Projekten steht."