© Fabian Brennecke / Red Bull Content Pool

Musik
09/25/2018

30 Jahre Techno in Berlin: Feiern – und Grenzen überwinden

Scheppern wie früher: Bei der Red Bull Music Academy in Berlin gab es einen Rave der Extraklasse.

von Marco Weise

Schon von Weitem hört man den Bass arbeiten. Der Druck in der Fabrik-ähnlichen, weitläufigen Shedhalle am Areal des Funkhaus Berlin scheint enorm zu sein – es scheppert zumindest gewaltig. Drinnen macht der aus München stammende DJ Hell gerade das, was er immer macht, wenn er hinter den Plattenspielern steht. Er wippt mit dem Oberkörper etwas hüftsteif hin und her. Linker Fuß, rechter Fuß, linker ... Gebetsmühlenartig macht er diese Bewegung, bei der er keine Miene verzieht und nur selten ins Publikum schaut. Die Beats, die er vorgibt, knallen – schnell wie ein aufgeregtes Herz. Melodien? Fehlanzeige!

Es ist 3 Uhr in der Früh. Primetime am Dancefloor, auf dem sich Menschen aller Altersklassen versammelt haben, um 30 Jahre Techno zu feiern. Das Programm versammelte alles, was Rang und Namen in der Techno-Szene hatte und hat: Westbam, Dr. Motte, Acid Maria, Miss Kittin, Nina Kraviz und Underground Resistance, um nur einige zu nennen.

Impulse

Sie lesen diese Namen zum ersten Mal? Also gut: Würde man dieses Line-up auf die Rockwelt übertragen, wäre es ein Konzert, bei dem die Rolling Stones neben Neil Young, den wiedervereinigten Oasis und Kings of Leon auftreten würden. Soll heißen: Dieser zwölfstündige Techno-Marathon im Funkhaus Berlin war ein Event der Superlative, der auch von Arte live übertragen wurde – nachzusehen in der Mediathek.

Mit von der Party war auch Mijk van Dijk, der mit Sicherheit zu den umtriebigsten Ideengebern des Techno-Genres zählt. Das Grundgerüst dieser Musik, die von Detroit aus die Welt eroberte, sind laut van Dijk eine durchgehende Bassdrum, eine Roland TR-909-Hi-Hat, ein Clap auf der Zwei und der Vier. Mit dieser simplen, aber auch ungemein durchschlagskräftigen Formel traf man im Berlin zur Zeit der Wiedervereinigung auf einen fruchtbaren Boden, der bis heute gute Ernte einbringt. Stichwort: Party-Tourismus.

In den (Daumen mal Pi) 30 Jahren, die seither verstrichen sind, hat sich Techno verändert. Aber auch wiederholt. „Sicherlich ist viel Wiederholung dabei, aber das ist kein neues Phänomen. Das verfolge ich schon seit den 90er-Jahren: Neue Tracks werden von alten Samples getragen. Der junge Produzent, der dafür verantwortlich ist, denkt sich nicht viel dabei, weil er ja auch nicht weiß, dass das Sample bereits vor zwanzig Jahren in einem Techno-Track verwurstet wurde“, sagt Mijk van Dijk dem KURIER. Die Techno-Geschichte ist für den 54-Jährigen auch noch lange nicht fertig erzählt. Aber dafür brauche es stets neue Impulse. „Nur so bleibt Techno am Leben.“

Für Electric Indigo, die österreichische Techno-Pionierin, die sich in den 90er-Jahren als eine der ersten Frauen im vorwiegend von Männern dominierten DJ-Business einen Namen machen konnte, ist Techno zuletzt wieder deutlich schneller geworden. „Die Leute haben wohl genug von Minimal und House. Es geht wieder in Richtung 135 Beats per Minute. Aktuell gibt es viele Produktionen, die nach den frühen 90er-Jahren klingen. Keine Rave-Fanfaren, keine poppigen Signale. Es sind ohne Kompromisse auskommende Tracks“, sagt Electric Indigo kurz vor ihrem Auftritt im Funkhaus. „Es freut mich sehr, dass ich zu ,30 Jahre Techno‘ eingeladen wurde. Das pinselt mir den Bauch, weil es zeigt, dass ich ein wesentlicher Teil der Berliner Technogeschichte war – und auch noch immer bin.“

Der Ort für das 30-jährige Techno-Klassentreffen sei für sie gut gewählt. „Die Location ist roh, es gibt viel Platz und die Räume sind total schlicht gehalten. Es erinnert mich an das E-Werk, einer der prägenden Veranstaltungsorte der Berliner Techno-Bewegung. Hier scheppert es wie früher.“

Apropos Bewegung. Techno war immer mehr als nur Musik. Es war immer auch eine Lebensphilosophie, ein Überbegriff für Menschen, die ein gemeinsames Lebensgefühl teilen, zusammen feiern und dabei soziale, ethnische, politische Grenzen überwinden“, sagt van Dijk.

Akademie

Dieses Lebensgefühl ist auch Teil der Red Bull Music Academy (siehe Artikel), die zu diesem Rave der Extraklasse geladen hat und in Berlin gerade ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Im Zentrum steht dabei die gezielte Förderung von ausgewählten Nachwuchskünstlern. Steckt da Kalkül dahinter? Schon möglich. Immerhin gilt: Wer in die Gegenwart investiert, investiert auch in die Zukunft.

 

RBMA: Kaderschmiede für den Musik-Nachwuchs

Red Bull unterstützt seit 20 Jahren mit seiner Music Academy Nachwuchskünstler aus aller Welt.  In Berlin läuft noch bis zum 12. Oktober die aktuelle Ausgabe, an der  60  Teilnehmer aus 35 Ländern  teilnehmen.   Sie genießen im alten DDR-Funkhaus  alle Vorzüge: Sie haben  Zugang zu  Aufnahmestudios, in denen schon Bands wie Depeche Mode oder Phoenix aufgenommen haben, bekommen professionelle  Hilfe von renommierten Musikern  wie  Dorian Concept.

Beim  KURIER-Lokalaugeschein im Funkhaus wird in den Studios eifrig gearbeitet, an Tracks gefeilt, an den  Synthesizern gedreht  und  werden Beats am  Laptop gebastelt. Dazwischen gibt es Gespräche mit Größen der Musikszene, stehen Workshops und Vorträge  am Stundenplan. Und die Idee dahinter scheint aufzugehen: Es herrscht ein Umfeld, in der Kreativität gut gedeihen kann.

Teil dieser Kaderschmiede  ist der Linzer Jakob Herber von der Band Flut, der am  Freitag  für zwei Wochen  ins Funkhaus einziehen wird.  

KURIER: Wie schwer war es, aufgenommen zu werden?
Jakob Herber: Das Aufnahmeverfahren läuft so ab: Man darf bis zu 30 Minuten Musik von sich hochladen und es gibt einen  Fragebogen, den man  ausfüllen muss  und inklusive   Foto nach Köln schickt, wo die Jury sitzt.  Angeblich wird jede Bewerbung angeschaut. Schlussendlich   muss  sich die Jury auf  60 Teilnehmer einigen. Das ist sicher keine einfache Aufgabe.  

Gibt es gegenüber der RBMA Verpflichtungen?   
Lieb sein, schnell auf eMails antworten, und wenn  einem die Energydrinks nach  fünf  Tagen zum Hals raushängen, sollte man  das nicht unbedingt auf Facebook posten (lacht). Was die Produktivität angeht, muss man  am Ende der zwei Wochen  keine   bestimmte Menge an fertigen Songs  abliefern.   Es gibt  also keinen Druck.

Was möchten Sie  musikalisch voranbringen?
Ich fühle mich musikalisch immer dort am wohlsten, wo  sich die Dinge verselbstständigen. Ich glaube, die Academy ist so ein Ort, an dem man   schnell in diesen Zustand kommt, weil man nicht auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitet. Außerdem ist man   mit Leuten zusammen, die  talentiert sind. Und aus  anderen Musikkulturen kommen.

Auf der einen Seite steht die Red Bull Music Academy, die junge Künstler und Projekte fördert, die aus wirtschaftlicher Sicht wenig Sinn machen. Auf der anderen Seite der Geldgeber, ein großer Konzern, dessen Gründer Dietrich Mateschitz u. a. gegen „Political Correctness“ wettert. Ein Zwiespalt?   
Dass es so etwas wie die RBMA gibt, ist trotz des  Beigeschmacks, dass da ein großer Konzern dahintersteht, eine super Sache. Mit vielem, was Dietrich Mateschitz gerade politisch sagt, gehe ich persönlich  nicht konform. Das muss ich als Teilnehmer aber auch nicht.

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