© KURIER/Gerhard Deutsch

Teil 4 von 4
06/15/2015

200 Jahre Hektiker - eine Zeitreise

Die Hektiker gehen mit dem KURIER noch einmal in die Schule – dorthin, wo sie vor 34 Jahren bei Schulauftritten ihre ersten Bühnenerfahrungen gemacht haben. Teil 4: Brüste und Sauerkraut.

von Guido Tartarotti

Pause am Schwarzen Meer

Wir erreichen das Gymnasium, Werner Sobotka schaut mit leicht angestrengter Miene auf den Fußballplatz: „Da bin ich gesessen und habe gehofft, dass ich nicht gewählt werde. Und der Turnlehrer Werner Tartarotti hat gesagt: Sobotka, das Runde ist der Ball.“

Sobotka zählte eher zu jenen Schülern, die dem Fußballplatz Richtung Mödlingbach entflohen – bei einer kleinen Brücke konnte man bequem zum Bachbett hinunter klettern. Sobotka: „Und es war noch nicht begrünt, man konnte den Bach entlang gehen, rechts Richtung Mödlinger Bühne, links Richtung Schwarzes Meer.“ Pissecker: „Da waren wir oft in der Mittagspause, am Schwarzen Meer...“

Im Gebäude stellt sich bei allen Beteiligten sofort die Mischung aus Nostalgie und Beklemmung ein, die wohl jeder kennt, der seine alte Schule wieder sieht (und vor allem wieder riecht). Wir machen Fotos im Pausenbereich. Ein Schüler erkennt die Hektiker und bittet um ein Selfie. Andere erkennen sie eindeutig nicht, fotografieren aber fleißig die Foto-Session – man weiß ja nie. Pissecker: „Ich glaub, die halten uns für eine Boyband.“

Schließlich wagen wir uns in den Gang mit dem Konferenzzimmer – der war damals noch für Schüler tabu. Heute steht die Tür vom Lehrerzimmer offen und Schüler laufen durch den Gang. Ein Lehrer erkennt seinen alten Schüler Sobotka und erinnert ihn daran, wie er damals, um einen Dreier in Geografie zu ergattern, übers Wochenende die Karte Europas auswendig gelernt hat. Fast sieht es so aus, als wolle der Lehrer Sobotka gleich noch einmal fragen, wo die Karpaten liegen und an welche Länder Rumänien grenzt. Vor dem Konferenzzimmer hängt eine Bildergalerie mit den Fotos aller Lehrer. Pissecker: „Fesche Lehrerinnen! Wären die damals auch so fesch gewesen, dann hätte ich die Schule nicht abgebrochen…“

Mutig geworden, spazieren wir ins Allerheiligste der Schule, ins Büro des Direktors. Unangemeldet. Der Direktor der Schule, Michael Päuerl, genießt den Überraschungsbesuch sichtlich, als Abwechslung vom Matura-Stress. Und er erweist sich den Besuchern an Schlagfertigkeit durchaus gewachsen. Herr Direktor, der KURIER ist schuld, dass wir Sie da so unangekündigt überfallen … Päuerl: „Normalerweise bin ich an allem schuld, wenn hier jemand hereinkommt…“ Wir machen eine Reportage über die Anfänge der Hektiker, die haben ja hier stattgefunden. Päuerl: „In diesem Zimmer?“ Pissecker: „Nicht nur…“

Päuerl erzählt von den Raumnöten der Schule (auch etwas, das sich seit den Achtzigerjahren nicht geändert hat): 1045 Schüler, drei „Wander-Klassen“, einige Klassen wurden an eine andere Schule ausgelagert, außerdem stehen Container neben dem Fußball-Platz, in denen ebenfalls unterrichtet wird. Päuerl: „Dieses Provisorium ist seit 2006 ein Dauerzustand.“ Die Schüler-Akademien, bei denen die jungen Hektiker ihre Fähigkeiten ausprobieren durften, gebe es immer noch, sagt Päuerl stolz: „Mehr als 1000 Besucher haben wir im Festsaal in Wiener Neudorf, heute liegt der Schwerpunkt mehr auf Musik als auf Sketches.“

Brüste und Sauerkraut

Die Hektiker holen sich vom Direktor die Erlaubnis, ihre alte Klasse zu besuchen, sie liegt im Keller des Hauses. Der Raum ist immer noch so düster wie damals, aber es gibt modernere Sitzpulte. Scheuba: „Aber ohne Bankfach? Wie soll man da schummeln, wie überleben?“ Damals bekamen sie vom Zeichenlehrer die Erlaubnis, die Wände der Klasse neu zu gestalten. Scheuba: „Wir haben aber seine Vorgaben ignoriert und freestyle gemalt. Hier, an dieser Wand, war dann ein riesiges Auge, und hier, daneben, Brüste. Die Folge war, dass die Lehrer immer darauf gestarrt haben.“ Heute ist die Wand wieder züchtig kahl.

Wir kommen am alten Raucherhof vorbei, damals ein Kreativzentrum für Unangepasste, Schlimme und sonst wie Verhaltensoriginelle (heute herrscht natürlich strenges Rauchverbot). Im nicht mehr genützten Windfang vor dem Hofeingang lagert die alte Zeit – in Form von Dutzenden elektrischen Geräten, die niemand mehr braucht, die aber offenbar auch nicht entsorgt werden: Klobige Fernseher, Videorekorder, Kassetten-Player, Dia-Projektoren … Sobotka: „Jö, die guten alten Overheads!“ Es ist ein sehr treffendes Bild für die vergangene Zeit.

Wir verlassen die Schule wieder und spazieren durch die Franz-Keim-Gasse – auch die ist voller Erinnerungen. Da ist das Privathaus, dessen Besitzerin immer Fleischlaberlsemmeln an die Schüler verkauft hat; da ist der Keller, aus dem es immer so durchdringend nach dem dort gelagerten Sauerkraut gerochen hat (für viele Keimgassen-Absolventen DER typische Geruch der Schulzeit); da war die Buchhandlung Thomas, wo man die Schulbuch-Gutscheine eingelöst hat. Pissecker: „Ich hab am letzten Schultag alle meine Schulbücher verbrannt, bin aber leider sitzen geblieben. Dann hab ich mir die alle neu kaufen müssen.“

Wir gehen durch Mödling, alte Plätze werden wiedererkannt. Das Pub, wo schwänzende Schüler Billard gespielt haben, ist heute ein Reisebüro. Das Jeansgeschäft gibt es immer noch, ebenso die Tanzschule. Pissecker: „Und was es immer, immer geben wird, ist der Bandagist.“ Die Auslagenscheibe hat sich nicht geändert in 30 Jahren. Pissecker: „Und die Produkte auch nicht.“

Neben dem Heimatmuseum, das man als Schüler mindestens einmal besuchte – alle rufen sofort „Awaren! Hockergräber!“ – befindet sich nach wie vor die Polizei. Auch zu diesem Ort kennt Werner Sobotka eine absurde Geschichte: „Der Mini Bydlinski hat in der Tauschzentrale „Isnogud-der-Großwesir“-Hefte eingetauscht, ist draufgekommen, er hat die gleichen Hefte wieder bekommen, und hat natürlich einen Bahö geschlagen. Dann ist die Polizei gekommen und hat ihm den Führerschein weggenommen, weil er in erregtem Zustand nicht Auto fahren dürfe.“

Das Gespräch dreht sich jetzt um Mödlinger Lokal-Berühmtheiten und um die Frage, wer aller inzwischen mit wem zerstritten ist. Fifi Pissecker schaut nachdenklich: „Apropos Streiten. Wir kennen uns 40 Jahre, und haben nie wirklich gestritten….“ Sobotka: „Jedenfalls nicht so, dass wir uns aufgelöst hätten.“ Pissecker: „Und das bei der niedrigen sozialen Kompetenz, die wir haben….“

Die drei verabschieden sich herzlich. Fifi Pissecker schlendert als erster davon. Er hat übrigens während der ganzen dreistündigen Wanderung durch Stadt und Schule einen Laib Brot spazieren getragen, den er ungeschickter Weise schon vor dem Treffen gekauft hat. Er sieht ziemlich seltsam damit aus, aber das ist ihm offenbar keineswegs unangenehm.
Auf die nächsten 200 Jahre Hektiker!

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