© Authentifizierung/Christandl Jürg

Andererseits
03/28/2021

Wohlfühl-Schwermut

Der Kabarettist Klaus Eckel über Melancholie als lieb gewordene Freundin.

Wenn mir jemand auf der Straße begegnet und mich fragt: „Und, wie geht´s?“, antworte ich gelegentlich: „Ich bin gerade traurig.“ In der Regel blickt man kurz nach einem solchen Befindlichkeitsouting in einen Gesichtsausdruck des Bedauerns. Der wäre gar nicht notwendig. Die Melancholie ist mir eine lieb gewordene Freundin. Eine Zeit lang hat auch meine emotionale Immunabwehr versucht, jede aufkeimende Verstimmtheit wegzudrücken. Mit Gesellschaft, Internetsurfen, Gin Tonic.

Der Erfolg war stets überschaubar. Meistens blieb die Melancholie dadurch nur eine weitere Woche neben mir am Sofa sitzen. Klopft sie mittlerweile an mein Gemüt, überrasche ich sie gern mit der Begrüßung: „Schön, dass du da bist! Willst an Kaffee?“. Diese Aufgeschlossenheit birgt nur die Gefahr, dass sie nachher weg ist. Nichts mag die Melancholie weniger, als Menschen, die sie zulassen. Der Graufilter, den sie über meine Perspektive legt, führt mich durch den Tag. Die Melancholie zeigt mir im Supermarkt die einsame, braune Banane im Obstkarton, die gerührte Sauermilch im Kühlregal, die drei eingedrückten Krapfen in der Plastikverpackung, auf denen ein –70 Prozent Sticker klebt.

Die Melancholie beschenkte uns stets mit wunderschöner Musik. Frederic Chopin „Nocturne No.2“, DonMcLean „Vincent“ und Ernst Molden „Sebdemba“. Um nur drei zu nennen. Die Lebensfreude hat „Hey Baby“ geschrieben. Im Gegensatz zu ihrem pöbelnden Bruder, der Wut, kennt die Melancholie keinen Schuldigen. Weder dem Kanzler, der Kindheit, noch Brüssel schiebt sie ihre Anwesenheit in die Schuhe. Sie genügt sich selbst. Doch wo bleibt jetzt der Trost? Meiner Erfahrung nach, verhält sich die Melancholie wie das Feuerwehrauto beim Kinderkarussell. Es steht regelmäßig vor dir, aber du weißt, genau so regelmäßig zieht es wieder weiter.

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