Kolumnen
07/10/2021

Im Hochsommer auf der Couch gestrandet: Sommerfrische im Kopf

Die Vorbereitung auf Mitgliedschaft in der "Schlafentzugsgemeinschaft" sind in vollem Gange...

von Vea Kaiser

Unter uns Menschlein gibt es die praktisch und die theoretisch veranlagten. Und dazwischen diverse Mischformen wie mich, die grundsĂ€tzlich alle Aufgaben bereitwillig in Angriff nehmen, sich davor jedoch fast zwangsgestört mit ihrer Theorie auseinandersetzen mĂŒssen. Wir bewahren Bedienungsanleitungen auf, selbst wenn sich das zu bedienende GerĂ€t nicht mehr in unserem Besitz befindet. NatĂŒrlich verfĂŒgen wir ĂŒber meterweise KochbĂŒcher, ReisefĂŒhrer oder Ratgeber wie: Hundeerziehung, Orchideenpflege, HĂ€keln fĂŒr Dummies. Zur Überraschung all meiner Liebsten habe ich keinen einzigen Ratgeber zu Schwangerschaft oder Geburt gelesen. Ich wĂŒrde gern prahlen, das lĂ€ge an meinem Urvertrauen in den weiblichen Körper, hat aber damit zu tun, dass ich im Stress bin. Ich versuche, prĂ€natal noch all jene Klassiker des frĂŒhen 20. Jahrhunderts zu verschlingen, die ich schon lange lesen wollte. Angehörige der „Schlafentzugsgemeinschaft“, wie Prinz William die Elternschaft nannte, meinten, die nĂ€chste Gelegenheit dazu ergĂ€be sich in achtzehn Jahren.

Es gibt nur ein Problem: In all meinen LektĂŒren wird von wochenlanger Sommerfrische im Salzkammergut oder den Salzburger Bergen geschwĂ€rmt. ErzĂ€hlt wird von Daunendecken, unter welchen man sich in der KĂ€lte einer Bergnacht verkriecht, von Wanderungen, deren malerisches Panorama die Seele verĂ€ndert, von anregenden GesprĂ€chen am See, die den Geist in klaren wildromantischen Mußestunden erfrischen. Beschrieben wird alles, was sich ein im Hochsommer auf dem Sofa gestrandeter Walfisch sehnlichst wĂŒnscht: KĂŒhle, Bewegung, reger intellektueller Austausch. Ich lese, leide, schwitze und tröste mich damit, dass ich zumindest auf die nĂ€chste Gelegenheit zur Sommerfrische keine achtzehn Jahre warten muss. Mein Kind ahnt es zwar noch nicht, aber seine ersten Wanderschuhe sind hiermit gekauft!

Vea Kaiser, das Ausnahmetalent aus Niederösterreich, ist seit ihrem umjubelten Buch-Erstling „Blasmusikpop“ von 2012 („großer Literaturspaß!“, „schwindelerregendes DebĂŒt“) unumstrittene Lichtgestalt der jungen heimischen Literatur. Sie schreibt fĂŒr die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

vea.kaiser@kurier.at

Jederzeit und ĂŒberall top-informiert

UneingeschrÀnkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare