Kolumnen
07/30/2022

"ÜberLeben": Und zweitens ist mir das Wasser zu kalt

Das Bad: Lebenskraft zwischen Ameisen und Pommes.

von Guido Tartarotti

Mein Körper und mein Kopf sind interessant konstruiert. Im Herbst, Winter und Frühling ist mir kalt und ich fühle mich müde und leer. Meine Wohnung heize ich gerne auf 24 Grad (hoffentlich erfahren das weder Putin noch die neuen Moralhüter, die andere Menschen gerne fürs Heizen verdammen – Heiz-Shaming ist das neue Flug-Shaming). Ich schlafe dennoch immer in dicken Socken.

Hat es dagegen 30 Grad, dann fühle ich mich plötzlich lebendig und lege mich gerne in die Sonne.  (Warum legt man sich eigentlich „in“ die Sonne? Irgendwie klingt das  ungemütlich.) Der beste Ort für mich, um meine durch Hitze erwachte Lebenskraft zu feiern, ist das Bad. Ich habe dieses Verhalten eindeutig geerbt – meine Oma war Ärztin und verbrachte jede freie Minute auf der Liegewiese. In der Tat war sie der Meinung, dass es keine Krankheit gibt, die nicht durch ausführliche Sonnenbestrahlung besser wird. Zum Glück geriet sie nie in blutige Zweikämpfe mit besorgten Dermatologen.

Das Bad ist der ideale Ort, wenn man zufällig einmal zu viel Zeit einstecken hat, diese verschwenden und die Verschwendung so richtig genießen will. Das Bad regt alle Sinne an: Man fühlt die Ameisen auf seiner Haut, man riecht die in heißem Fett ertrinkenden Pommes, man sieht die interessantesten neuen Tätowierungen, die von ihren Besitzern stolz an die Luft geführt werden. Und man hört verbotene Sommerhits und von der Sonne gebleichte Gespräche: „Da Dings is g’sturben.“ – „Wer?“ – „Na da Dings.“ – „Is ma wurscht.“

Im Bad macht die Zeit Pause, das gefällt mir, und ich kritzle dort meine Kolumnen mit Kuli auf die Zwischenräume der Titelseite des KURIER, bis man nichts Weißes mehr sehen kann.

Nur ins Wasser gehe ich nie. Erstens graust mir ein wenig davor (angeblich gibt es tatsächlich Menschen, die ein Schwimmbecken mit einem Klo verwechseln). Und zweitens ist mir das Wasser immer zu kalt.

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