KOLUMNE
12/22/2018

Sie nannten ihn Gurke

Weihnachtsbäume in europäischen Städten haben einen schweren Stand. Muss man sie deshalb gleich Gurke heißen?

von Barbara Mader

Dieser Tage reiste die Redaktion der Wiener Ansichten in den Bregenzerwald. Zweck des Ausflugs war eine Recherche: Wie sieht ein schöner Christbaum aus? Schließlich scheint ein solcher in den großen Städten Europas schwer zu finden. Jener auf der Piazza Venezia in Rom etwa bekam nun schon zum zweiten Mal in Folge den zweifelhaften Ehrentitel Spelacchio („der Gerupfte“). Ein weiterer Kosename für das arme römische Bäumchen lautet übrigens Klobürste. Da helfen auch die von Netflix gesponserten Kugeln nichts.

Man muss jedoch sagen: Auch im Bregenzerwald gab es in der Vergangenheit Baumkrisen. Einmal tobte der Stammtisch beim Hirschen-Wirt in der Gemeinde Bezau angesichts eines Baumes, der statt Zweigen und Nadeln ein Kleid aus Holzplatten trug. Im Design-affinen Bregenzerwald (praktisch alle Architekten der Welt werden hier geboren) sollte wohl auch Weihnachten richtig modern werden. Doch das ging schief. Denn nicht alle Einheimischen schätzen moderne Architektur und so wurde die traditionsfremde Tanne als „Flachdachbaum“ verunglimpft.

Glücklicherweise war das weihnachtliche Design-Desaster ein Einzelfall. Dieses Jahr gibt’s wieder einen Baum, den die Wälder anerkennend „g’hörig“, also ordentlich nennen.

Wie herausfordernd die Auswahl eines g’hörigen Baumes ist, darüber musste der Wiener Forstdirektor Andreas Januskovecz jüngst Medien Auskunft erteilen. Denn auch der heuer aus Kärnten angereiste Baum vor dem Wiener Rathaus wurde wegen angeblicher Nadelarmheit verspottet. Erst durch zusätzlich gesteckte Zweige wurde den undankbaren Wienern klar, dass es sich dabei um den „schönsten Baum Oberkärntens“ handelte.

Dass der Baum jedoch aufgrund seiner Herkunft aus dem Bistum Gurk in Wien „Gurkenbaum“ genannt wurde, wie eine deutsche Tageszeitung witzelte, ist zwar eine interessante Beschreibung, allerdings Fake News. Niemand in Wien hat den Baum jemals so genannt, betont der Oberförster. Die Fichte wurde vielfältig verunglimpft, das Wort Gurke ist dabei nie gefallen.