Kolumnen
04.02.2019

Sekt in der Schwangerschaft

Wie werdende Mütter mit Vorschriften und Vorwürfen konfrontiert werden.

Freundin R. hat unlängst während ihrer Schwangerschaft geheiratet. So weit, so gewöhnlich. Am Tag ihrer Hochzeit stellte sie ein Bild in ihr soziales Netzwerk: Sie und ihr Ehemann prosteten sich mit einem Sektglas zu. Wer genau hinsah, konnte den Babybauch erkennen. Eine alte Uni-Kollegin hat das offenbar getan. He, Glückwunsch zur Hochzeit!!, schrieb sie in einer privaten Nachricht. Unmittelbar gefolgt von: Aber du bist doch schwanger! Das hast du nicht echt getrunken, oder?!?

Wie naiv von mir. Wie dumm, anzunehmen, dass sich an der Bevormundung der Frau etwas ändert, wenn sie eine Mutter wird. Mir hätte von den Debatten zum Thema Abtreibung doch bewusst sein müssen, dass es die Mächtigen der Gesellschaft nicht leiden können, wenn eine Frau die Entscheidung über Leben und Tod in ihre eigenen Hände nimmt. Nein, so mächtig kann sie unmöglich sein.

Also wird die Schwangerschaft in den Dienst der Allgemeinheit gestellt. (Werdende) Mütter werden so lange mit Vorwürfen und Vorschriften – über Stillverhalten, ihre Ernährung, ihre Stimmung – konfrontiert, bis sie ihre Schwächen selbst zu glauben beginnen und ein Großteil der Gemeinschaft – darunter nicht wenige Frauen, wie sich auch am Beispiel der Uni-Kollegin zeigt (weil sich die Einstellung zur Gleichberechtigung nicht im Geschlecht zeigen muss) – in den Chor der Belehrer mit einstimmen.

Vollkommen verdreht.

Ein französischer Film aus dem Jahr 2018 bietet einen erfrischenden Perspektivenwechsel. In „Kein Mann für leichte Stunden“ wacht ein Macho nach einem Kopfstoß in einem Paralleluniversum auf. Hier gilt die Frau als das starke Geschlecht: Sie ist so stark, wird ihm klar gemacht, dass sie sogar Kinder bekommen kann.

Und so ist es doch. Eine Frau hat die Kraft, neun Monate lang ein Lebewesen in sich heranwachsen zu lassen. Sie hat die Stärke einen vier Kilogramm schweren Menschen aus ihrem Körper zu pressen. Wieso lassen wir die Bevormundung und anmaßenden Bemerkungen also nicht sein und feiern das?

Apropos feiern, liebe Uni-Kollegin: Es handelte sich in dem Bild um alkoholfreien Sekt.