Paaradox: Küchen-Rollen

Paaradox: Küchen-Rollen
Alarmstimmung. Wenn sie plötzlich nicht mehr kann, und er als Einspringer zaubern muss.
Ingrid Teufl

Ingrid Teufl

Sie

Das Leben spielt manchmal so. Man lädt liebe Menschen ein, denkt sich ein Essen dazu aus – doch mitten im Zwiebelschneiden  ist es plötzlich da. Das Virus.  Also fand mich der Mann nebenan mit einem halb geschälten Kartofferln in der einen und einem Speibküberl in der anderen Hand vor.  Auf den ersten Blick dürfte er die Situation intellektuell nicht ganz erfasst haben, er fragte: Wie wär’s mit einem Kochachterl? Erst meine Reaktion darauf  – ich sage nur: Küberl – löste eine geistige Götterdämmerung bei ihm aus: Ui! Geht es dir nicht gut?  Ich antwortete nur: Blendend, ich könnte am Tisch tanzen.  Wenig später lag ich schüttelfrostig  im Bett, noch ein bisserl später war der Termin abgesagt.

W wie Wundern und L wie Lob

Aber was tun mit dem ganzen Esszeugs? Da sind wir nun bei W wie Wundern angelangt. Und bei L wie Lob. Logischerweise war ich nur imstande, in knappen Worten (Stichwort: Küberlalarm!) Regieanweisungen zu geben, etwa: Kochbuch, Seite 34 – da!  Dabei war mir allerdings klar, dass der Gute mit Begriffen wie „ablöschen“,  „karamellisieren“ oder gar  „sautieren“ an seine Kapazitätsgrenzen geraten wird. Mir leider so wurscht. Bald vernahm ich  aus der  Küche laute Selbstgespräche: Wie dick ist eindicken, Himmelarschundzwirnnocheinmal?  Oder Warum bitte bleibt der depperte Speck letschert? Dazwischen schlich er sich leise an und flüsterte: Du ich will dich echt nicht stören, aber weshalb bröckelt das Püree so? Ich war leider wenig behilflich, im Gegenteil: Die Antwort war quasi fürs Küberl. Nur einen Rat konnte ich ihm geben: Sag nie mehr bröckeln zu mir!  Jetzt das Lob: Punkt 22 Uhr vernahm ich sein Ich habe fertig. Mein Meisterkoch war in vielerlei Hinsicht am Ende angelangt.


Lesetermine: 17. 11. Weinwerk, Neusiedl, 23. 11,   Kottingbrunn

gabriele.kuhn@kurier.at

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Er

Meine Frau ist eine grandiose Köchin. Das ist fein,  wenn man in die Kategorie „Dankbarer Esser“ fällt. Es kann gelegentlich aber auch zu einer Prüfung werden, gegen die mein Nachzipf in Darstellender Geometrie einst in der 7. Klasse ein Lercherlschas ist. Es ist nämlich so, dass die Liebste einen grenzwertigen Hang zum Experimentellen hat. Heißt: Wenn wir Gäste erwarten, hat sie stets den Ehrgeiz, neue Kreationen zu kredenzen. Das sieht in der Umsetzung dann so aus, dass vor ihr zwei Kochbücher liegen, die ein Rezept unterschiedlich interpretieren, und diese beide Varianten erweitert sie dann noch um ihre persönliche Note, einem Bauchgefühl folgend.

Abwinken

Gut so. Problematisch wird es jedoch, wenn sie sich während ihrer alchimistischen Sturm- und Drangperioden wegen akuter Übelkeit plötzlich ins Bett verabschiedet und mich mit dem Auftrag zurücklässt: „Du musst das jetzt bitte fertig kochen.“ Das ist so, als würde man in einem Windhunde-Rennen einen Basset  zum Sieg brüllen wollen. Aber jedes Mal, wenn ich ins Schlafzimmer lief, um mir Anleitungstipps für das  „Bœuf bourguignon des Jahrhunderts“ zu holen, sah ich ein verzweifeltes Abwinken, und sie ächzte nur: „Nicht darüber sprechen, sonst ...“ Also redete ich nicht, sondern versuchte, das Kochbuchdeutsch in die Bassetsprache zu übersetzen. Fluchend, eh klar. Und am Ende erklärte ich das Chaos zu meinem Geheimrezept. Ich bin sicher, noch nie gab es ein Bœuf bourguignon, das mit einem Bœuf bourguignon  so wenig zu tun hatte. Egal. Denn gnä Kuhn verzichtete aufs Kosten. Und mir schmeckte es drei Tage lang ausgezeichnet.

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 20. 11. Wien (Akzent),  24. 11. Klosterneuburg,  27. 11. Rothneusiedl,   28. 11. Mödling

michael.hufnagl@kurier.at

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