© Jeff Mangione

Kolumnen
11/01/2020

Paaradox: Abschiedsparty

Das Fruchtfliegen-Theater, zweiter Akt. Ein Bühnenstück über Alkohol und Sex, über Dialog und Triumph. Und über den hilfreichen Bund mit der Leserschaft.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Update: Die zuletzt erwähnten Fruchtfliegen im Haushalt Hufkuh sind großteils futsch – den Lesern sei Dank. Fast täglich landeten Jagd-Tipps in meinem Mail-Postfach, fast täglich leitete ich sie an den Mann nebenan weiter, mit den Worten: „Lies!“, „Interessant!“ oder „Wie wär’s?“. Irgendwann saßen wir abends bei einem Achtel Essigwasser mit Zucker (hilft gegen die WG-Bewohner) und berieten unsere Fruchtfliegen-Epidemie-Strategie. Wir mussten einen Konsens  finden. Sein Plan war einfach gestrickt: Dann kauf’ halt kein Obst mehr, eh unnötig. Was ich mit einem Dann trink halt kein Bier mehr, eh unnötig konterte, weil das vor dem Schlafengehen lässig in der Küche platzierte Glas mit warmem Hansl sich stets als Fruchtfliegen-Whirlpool mit hohem Wellness-Faktor entpuppte.

Nette Tierchen

Irgendwann bemerkte ich im Zuge des Gesprächs seine latente Sympathie für die Haustiere, ich fragte dann auch: „Du, kann’s vielleicht sein, dass du die nett findest?“ Da nickte er und verwies auf eine Studie, die er gelesen hatte. Demnach haben männliche Fruchtfliegen eine ausgeprägte Vorliebe für Ethanol – jene Sorte Alkohol, die in Bier und Wein enthalten ist. Süffeln die Fliegen, wird in ihren Gehirnen das Belohnungszentrum aktiviert. Er fügte hinzu: „Aber dieser Belohnungsmechanismus wird durch die Paarung mit einem Weibchen unterbrochen.“ Ich hatte es kapiert: Sex toppt Saufen.

Nun dozierte er: „Tja, die Gene der Fruchtfliege ähneln nun mal jenen des Menschen, sie sind in der Forschung beliebt!“ Ich erwiderte: „Du willst damit sagen, sie sind wie du?“ Umso motivierter stellte ich anderntags eine Essig-Zucker-Spülmittel-Falle auf. Vermutlich hätte der Mann nebenan mit seinen Freunden noch gerne eine Abschiedsparty gefeiert –  bei einem schönen Schluck Ethanol.  

gabriele.kuhn@kurier.at / facebook.com/GabrieleKuhn60

 

ER

Dieses Gesicht! Eines Morgens tippte mir meine Frau während des Zähneputzens auf die Schulter, und ich war mit einem Strahlen konfrontiert, als hätten sich unsere Magnolien zu einer spontanen Oktober-Blüte entschlossen. Der Grund für ihren Dopamin-Exzess war die längst ritualisierte Frühinspektion des Wohnzimmers, wo sich die Population der vermaledeiten Fruchtfliegen quasi über Nacht in einem Maß verringert hat, als hätte sich die Stopp-Party-Verordnung der Bundesregierung auch zu unseren Mitbewohnern durchgesprochen. „Es schaut gut aus“, sagte die Liebste und meinte die Lösung eines Problems, das für mich etwa so bedeutend ist wie der Alarmruf „Marmelade hamma nimmer“.

Kosmische Phänomene

Danke jedenfalls, liebe Leserinnen und Leser, für die vielen Mails und Ratschläge zum kämpferischen Umgang mit den kleinen Schwirrköpfen, die waren tatsächlich äußerst hilfreich. Mein liebster Tipp war übrigens, wir mögen doch eindringlich mit den Tieren reden (und sie freundlich bitten, ihre Fliegenschaft aufzulösen), weil die nämlich unsere Schwingungen in einem Ausmaß wahrnehmen können, das wir Menschen dramatisch unterschätzen. Hm. Ich muss gestehen, dass ich den Dialog trotz meiner exorbitant ausgeprägten Hingabe zu kosmischen Phänomenen nicht gesucht habe. In der Überzeugung, dass die Worte von gnä Kuhn („Jetzt schleicht’s euch endlich, ihr elenden und unnötigen Viecher“) das Gesprächsklima schon zu sehr beschädigt haben könnten.

Da war gefühlsmäßig nix mehr zu machen mit einem scheinheiligen „Guten Tag, ihr Lieben, ich bin der Michi“. Egal, am Ende tappten sie ja ohnehin in die Cocktailfallen, was meiner Chefalchimistin den bemerkenswerten Satz entlockte: „Siehst du, es war doch nicht alles schlecht im Jahr 2020.“ Und ich finde, daran sollten wir alle viel öfter denken.

michael.hufnagl@kurier.at / facebook.com/michael.hufnagl9

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