© Jeff Mangione

Kolumnen
10/04/2020

Paaradox: Extrawürstel

Die Ouvertüre zum kulinarischen Akt im Restaurant ist ein klangvolles Ereignis. Mit gelegentlichen Misstönen.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

„Frauen sind kompliziert“ lautet  ein These. Ein Klischee, das von Männern nebenan gerne mit Sätzen wie Ja, ja, die Frauen! unterstrichen wird, dazu: Augenverdrehen, Seufzen, Gesten der Resignation. Alles, nur keine Tränen, Indianer weinen bekanntlich nicht. Aber vielleicht ist sowieso alles anders, was mir der Mann nebenan – auch Häuptling „Heikler Hund“ genannt –  immer wieder von Neuem beweist. Zum Beispiel, wenn wir gemeinsam essen gehen. 

Genuss-Rochaden

Während ich meist bestelle, was auf der Speisekarte steht, verwirrt er das Personal mit seinen Rochaden: „So, jetzt passen’s bitte gut auf! Ich hätte  gerne das 300-Gramm-Steak, aber auf keinen Fall mit dem Gemüse und auch nicht mit den Wedges, sondern, ganz schlicht, mit Pommes und Salat. Den Salat allerdings ohne Essig, Paradeiser und Gurken. Und statt der Pfeffersauce bringen Sie mir Cocktailsauce, die haben Sie eh, ja? Davon aber sehr viel mehr, bitte!“  Weiters würde er  die Grammelknödel, eigentlich eine Hauptspeise, als üppigeren Zwischengang genießen („ohne  Krautsalat, sondern mit viel Saft!“). Davor freut er sich auf das Fisch-Carpaccio – „das Rucolazeugs können’s aber weglassen.“ Das alles mit „ganz viel Brot und Knoblauch“. Allerletzte Depeche an den Küchenchef: „Ach ja – bei der Suppe, die Sie mir dann nach den Grammelknödeln und vor dem Fisch bringen, auf keinen Fall die gerösteten Melanzanistückchen. Da bin ich allergisch.“  Tja – und während die Kellnerinnen oder Kellner schwitzen, schreiben und den Hufnaglschen Tauschhandel irgendwie zu antizipieren versuchen, würde ich manchmal gerne hinzufügen: „Für mich  bitte ein Glaserl Jungwein und einen passenderen  Wein-Begleiter dazu. Fesch, mager und bekömmlich.“    

Termine: 16. 10. Florahof, Langenlebarn; 24. 10. Rabenhof;  13. 11. Bettfedernfabrik; Oberwaltersdorf, 14. 11. Bühne im Hof, St. Pölten; 1., 22.12, Rabenhof

gabriele.kuhn@kurier.at / facebook.com/GabrieleKuhn60

ER

Wenn  meine Frau eine Hose kauft  (und ich bei diesem Ereignis versehentlich dabei sein muss), fragt sie gerne: „Haben Sie die auch eine halbe Nummer kleiner?“ Und wenn ihr ein Pullover ins Auge springt, kann ich darauf wetten, dass sie ihn  lieber in einer anderen Farbe probieren will. Soll sein. Derlei Sonderwünschen und ihrem mehrfachen geäußerten Hinweis „Bin’s gleich“ begegne ich längst mit der Gelassenheit eines tibetischen Mönchs. Ich denke mir: Wer kauft, will für sich das Ideale. Warum diese Sehnsucht im Angesicht von Hose und Pullover als Selbstverständlichkeit betrachtet, bei Steak oder Nudeln aber stets mit dem Prädikat „Obacht, seeeehr heikel“ versehen wird, ist mir daher ein Rätsel.

Nervenspiel

Für mich ist das Studieren einer Speisekarte und das Abwägen kulinarischer Optionen fast schon so viel Genuss wie das Essen selbst. Und während ich angeregte Dialoge mit meinen guten Freunden Hunger und Appetit führe, klappt gnä Kuhn das Büchlein verlässlich nach gefühlt 45 Sekunden zu und verkündet (als wäre es eine Leistung): „Weiß alles.“ Da habe ich noch nicht einmal die Begriffe Tagessuppe und Tagesverfassung zu einem Bild komponiert. Von diesem Zeitpunkt an beginnt das Nervenspiel: Ich schaue auf die Menüangebote, sie schaut auf mich. Ich tippe mit dem Finger auf Vorspeisenvariationen, sie mit ihrem auf den Tisch. Ich sage „Hmm“. Sie sagt „Puh“. Und irgendwann auch verlässlich: „Sag’, lernst du die Karte auswendig?“ Allerdings ist meine Bestellung dann von bestechender Präzision. Während die Liebste erst während der Mahlzeit erkennt, dass ihr vielleicht Reis als Beilage lieber gewesen wäre. Und es keine drei Bissen dauert, ehe aus ihrem Mund der Satz erklingt: „Darf ich bei dir kosten?“

Termine:  Solo mit einer Mannsbild-Matinee, 17. 10. (11 Uhr) CasaNova, Wien; Abend mit einem Mannsbild:  31. 10., Göppingerstüberl, Babenbergerhalle; Klosterneuburg; 16. 11., Wien; Studio Akzent; 20. 11., Bad Fischau

michael.hufnagl@kurier.at / facebook.com/michael.hufnagl9

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