Riesengroße Fußstapfen

Riesengroße Fußstapfen
Keine Haltung ist so unerbittlich wie die Erwartungshaltung. Wenn einer seinen Hund liebt, hat es der Nachfolger oft sehr schwer
Birgit Braunrath

Birgit Braunrath

Vorigen Sonntag waren Daria und ich zeitig in der Früh in der Hundezone. Eigentlich wollten wir im Laufschritt daran vorbeieilen. Aber durch den Maschendrahtzaun verfolgten uns die Blicke einer sichtlich gelangweilten jungen Jagdhündin.

Die Hündin tat Daria leid. Sie war das einzige Tier in der Hundezone. Der Mann, der sich die Haare raufte, weil seine Hündin lieber den Zaun entlanglief und Daria zum Spiel aufforderte, als sich seinen Trainingsauf- und -anforderungen zu unterwerfen, dieser Mann war der einzige Mensch in der Hundezone.

Daria verlangsamte den Schritt, was so viel hieß, wie, sie hatte beschlossen, dass wir den beiden Gesellschaft leisten. Also gingen wir rein. Daria nahm sich die junge Hündin vor, und ich stellte dem sichtlich entnervten Mann ein offenes Ohr zur Verfügung. Er klagte über die „Unkonzentriertheit“ seiner neun Monate alten Hündin. Sie seien hier zum Apportiertraining, aber „konzentriertes Arbeiten“ sei „nicht möglich“. Dann der Stoßseufzer: „Sie ist völlig überdreht. Ich weiß nicht, ob die je vernünftig wird.“

Hymnen auf die Vorgängerhunde

Die Hündin beschnupperte Daria und schien eine sozial begabte junge Dame zu sein. Als ich das erwähnte, stimmte der Mann mir zu. Plötzlich drehte sich der Wind, er erzählte, wie freundlich die Hündin sei, was er ihr schon beigebracht habe und dass der Hundetrainer sage, sie sei ihrem Alter „einige Monate voraus“.

In dem Moment näherte sie sich, um dem Mann stolz den Apportierknochen zu überreichen. Ich wollte losjubeln, als er schimpfte: „Nein, jetzt doch nicht! Du sollst ihn bringen, wenn ich es sage.“

Und dann schwärmte er von der Vorgängerin, die „die beste Jagdhündin aller Zeiten“ gewesen sei. Und von deren Vorgängerhund, der „einfach ein Traum von einem Hund“ war. Ich hörte zu, wie er Hymnen auf seine beiden Hunde sang, die er leider eines Tages begraben hatte müssen. Schließlich sagte ich: „Was für tolle Hunde! Das sind aber große Fußstapfen, in die die Kleine da hineinwachsen soll.“ Der Mann sagte kurz nichts, dann nickte er: „Ja, riesengroße ..., die wären für jeden Hund zu groß.“ Als Daria und ich weitergingen, schien es, als würden Mann und Hund einen Schritt aufeinander zugehen, nicht nur körperlich.

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