Kolumnen
07/11/2021

Johannas Fest: Personalmangel und Convenience

Ich habe mich ja schon jahrelang gefragt, warum Pommes frites nur mehr in der gehobenen Gastronomie hausgemacht sind.

von Johanna Zugmann

Heute Abend haben wir G├Ąste. Schlie├člich lohnt es sich, ein so aufregendes Programm wie das EM-Finale mit Freunden zu teilen und sie kulinarisch zu verw├Âhnen. Zur Inspiration f├╝r das Abendessen statteten mein Mann und ich einem der Gro├čh├Ąndler f├╝r die Gourmet-Gastronomie einen Besuch ab. Dabei hatte ich verschiedene Aha-Erlebnisse. Nie h├Ątte ich gedacht, was es au├čer fertigem Kartoffelsalat im Plastikk├╝bel schon alles gibt. Zum Beispiel R├╝hrei, fl├╝ssig, pasteurisiert und gew├╝rzt; und die fertig gegarten R├Âstzwiebel oder Cro├╗tons. Oder die vorgeschnittenen und gew├╝rzten Schweinshaxenstreifen f├╝r das Gyros. ÔÇô Igittigittigitt! In ÔÇô sagen wir einmal nicht eben auf Handwerk fokussierten ÔÇô Gasth├Ąusern und Restaurants bescheren dann die Geschmacksverst├Ąrker, Konservierungsmittel und W├╝rze der Marke 08/15 kaum Gaumenfreuden.

Ich habe mich ja schon jahrelang gefragt, warum Pommes frites nur mehr in der gehobenen Gastronomie hausgemacht sind. Schlie├člich ist das gar nicht so viel Arbeit, gro├če makellose Kartoffel zu sch├Ąlen, zu schneiden und die St├Ąbchen in die Pfanne mit blubbernd hei├čem Fett zu werfen, sie zu schwenken bis sie Farbe nehmen und dann goldgelb gebraten ins bereitgestellte, mit K├╝chenrolle ausgekleidete Sieb zu katapultieren. Aber in Zeiten, in denen die Gastronomie ein Hauptproblem namens ÔÇ×PersonalmangelÔÇť hat und ├╝berdies mit knappen Margen k├Ąmpft, ist es nat├╝rlich nachvollziehbar, warum so viel Vorgefertigtes auf die Tische kommt.

Bl├╝tenzauber

Zum reinsten Augenschmaus hingegen geriet ein Rundgang durch die Gem├╝seabteilung des Gesch├Ąftes. Alles, was man f├╝r gew├Âhnlich nur aus Haubenlokalen oder zumindest gehobener Gastronomie kennt, war hier sch├Ânstens sortiert und nat├╝rlich zu Gro├čh├Ąndlerpreisen im Angebot: Baby-Melanzani, Patisson-K├╝rbisse, Pimientos (die kleinen Bratpaprika), gro├če und Mini-Artischocken, drei verschiedene Sorten Radicchio bis hin zu Purple-Haze-Karotten (die sind au├čen violett, innen orange), um nur eine ganz kleine Auswahl zu nennen.

Das Herz ging mir auf angesichts einer Vitrine vor der Gem├╝seabteilung: In dem schmalen Regal pr├Ąsentierte sich k├╝chenfertig, was Wald und Wiese an essbaren Bl├╝ten und wilden Kr├Ąutern zu bieten hat ÔÇô schlicht und einfach ein florales Feuerwerk, bunt wie die Paletten gro├čer alter Meister!

Mit Veilchen ÔÇô kandiert oder einfach roh ÔÇô zu dekorieren, hat ja auch hierzulande Tradition. Ebenso bekannt ist die Kapuzinerkresse, die nicht nur ein Eyecatcher auf jedem Teller ist, sondern auch noch besonders gut schmeckt. Und schon unsere Gro├čm├╝tter haben Holler in Palatschinkenteig herausgebacken und mit Erdbeeren serviert. Auch gef├╝llte Zucchinibl├╝ten sind in heimischen Privathaushalten keine Exoten mehr.

Mit Christrosen, Maigl├Âckchen, Oleander, Engelstrompeten und Herbstzeitlosen sollte nur dekorieren, wer Esser unauff├Ąllig aus dem Weg r├Ąumen m├Âchte: Die sind giftig.

Ich gehe auf ÔÇ×Nummer sicherÔÇť, greife zu dem vorsortierten P├Ąckchen Bl├╝ten und Wildkr├Ąuter und freue mich darauf, unsere kleine, ausgesuchte Runde von EM-Finale-G├Ąsten heute Abend floral zu bezaubern. Dass ich zur obligaten Grillage auch selbst gemachte Saucen und Pommes frites kredenze, ist Ehrensache!

Wie auch immer das Endspiel ausgehen wird, steht in den Sternen. Kulinarisch wird der Abend ein Erfolg, darauf traue ich mich wetten!

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