Kolumnen
08/01/2021

Johannas Fest: Ohrenschmaus und Gaumenfreuden

Fürs Picknick gilt dasselbe wie fürs Essen beim Chinesen: Je mehr Esser, desto größer die Vielfalt auf dem Tisch, beziehungsweise in unserem aktuellen Fall auf der Decke.

von Johanna Zugmann

Die wichtigsten Ingredienzien für das Mahl unter freiem Himmel? Schönes Wetter, eine karierte Decke und ein lauschiges Plätzchen, auf dem man sich niederlässt, eine kleine Kühltasche für die Getränke und Brotdosen mit liebevoll zubereitetem Proviant; ein Schneidbrett, ein Taschenmesser und – bitte nicht vergessen – einen Müllsack, denn man will ja keine Spuren hinterlassen. Und noch was ganz Essenzielles: gut gelaunte, anregende Gesellschaft.

Fürs Picknick gilt dasselbe wie fürs Essen beim Chinesen: Je mehr Esser, desto größer die Vielfalt auf dem Tisch, beziehungsweise in unserem aktuellen Fall auf der Decke.

Schließlich bringen in der Regel alle Teilnehmer etwas mit: die einen Brötchen, die anderen Obst und Käse, wieder andere Salate und die Getränke, und zwar gerade so viel, wie in die Körbe, Radtaschen oder den Rucksack passt.

Mein Mann und ich haben uns vergangene Woche zu einer Tour per Drahtesel entschlossen und zu einer Mahlzeit im Freien mit Freunden verabredet. Nicht in der Wachau, wo gerade jetzt zur Marillenernte für unseren Geschmack schon zu viele Pedalritter unterwegs sind, sondern auf dem 107 Kilometer langen Ybbstalradweg. Sein 55 Kilometer langes Kernstück führt die meiste Zeit nah am Fluss und mit mäßigen Steigungen vom malerischen Städtchen Waidhofen an der Ybbs zum romantischen Lunzer See (und/oder umgekehrt). Auf halber Strecke wollten wir uns mit Angelika und Heinz, einem verheirateten Musiker-Paar, zum Picknick treffen.

Die Bezeichnung für diese Freiluft-Mahlzeit stammt aus dem Französischen und setzt sich aus den Worten „piquer“ für aufpicken und „nique“ für Kleinigkeit zusammen.

Genuss-Radeln

Unsere Tour führte auf der Route der aufgelassenen Ybbstalbahn durch Streuobstwiesen, über pittoreske Rundbogenbrücken und nach einem kurzen Tunnel quer durch eine wildromantische Schlucht.

Angekommen an unserem Treffpunkt begann Angelika wahre Schätze auszupacken: selbst gezogene Paradeiser-Raritäten, Eier von ihren eigenen Hühnern, allesamt seltene Rassen, und selbst gebackenes Weiß- und Schwarzbrot. Im Lockdown, der für die studierte Musikerin (Texterin, Geigerin, Sängerin und Komponistin) fast eineinhalb Jahre Zwangspause bedeutete, hat sich die 38-Jährige einen eigenen Weingarten zugelegt und ist zur Hobbywinzerin mutiert. Was aber die Paradeiser betrifft, sei sie zum echten Freak geworden. Hundert Euro habe sie vergangenes Jahr in ein Papier-Säckchen mit zehn (!) Samenkörnern investiert. Die Mutter eines siebenjährigen Sohnes stellte einen Teil ihrer Ernte auf die Picknickdecke und ermunterte uns, zuzugreifen. Was für ein längst vergessener Geschmack sich da jeweils auftat beim Biss in die gerade einmal Daumenkuppen-großen grünen, violetten, gelben, orangen, roten und gestreiften Früchte aus ihrer Ernte – wahre Feuerwerke für den Gaumen!

Auf einer Schotterbank sitzend genossen wir den Anblick des türkisgrünen Flusses, sein Rauschen und das Vogelgezwitscher.

Plötzlich bekamen wir noch anderes zu hören: Angelika, deren professionelles Repertoire von Minimal Music über Jazz bis hin zu Jodler und Landler reicht,

erhob ihre Stimme. Die Stimme der Frontfrau der Formatierung „Die Steinbach“, die sich laut einer ORF-Kritik „irgendwo zwischen Marilyn Monroe und Dido bewegt“.

Augenschmaus, Gaumenfreuden, Natur-pur-Idylle und dazu noch ein Privatkonzert! Sternstunden bei Sonnenschein – was für ein Fest!

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