Kolumnen
12/05/2021

Johannas Fest: Gipfelblick und Spitzenweine

Skihütten: Statt lokaler Hausmannskost gibt’s Trüffelpizza und der Kabeljau kommt nicht mehr im Gröstl daher, sondern wird auf Porzellan in Wasabi-Kruste an einer Sternanis-Honig- Sauce serviert.

von Johanna Zugmann

Meine ersten Stemmbögen habe ich als Kind in den Stubaier Alpen geübt. Zu Fuß ging es damals bergauf und wenn sich nach ein paar Stunden im g’führigen Schnee Hunger und Durst meldeten, endete der Einkehrschwung in der Hütte eines Bergbauern. Bei der Erinnerung an den Genuss des Speckbrots läuft mir heute noch das Wasser im Mund zusammen, genauso wie beim Gedanken an das Stockfisch-Gröstl, das es dort vor Ostern gab. Rund zwei Jahrzehnte später, als die Industrialisierung des Skisports so richtig in Schwung gekommen war, begann ich mich zu fragen, warum sich die Gastrobetriebe in den Alpen noch Hütten nannten. Für mich waren es entzauberte Riesencontainer, in die die Hungrigen mit ihren polternden Skistiefeln wie die Sturmtruppen aus den „Star Wars“-Filmen einfielen, sich an den langen SB-Buffets mittelmäßige Fast-Food-Kalorien auf die Plastiktabletts luden und an ungedeckten Resopal-Tischen verschlangen. Diese Hüttenform ist wohl heute noch für „Jedermann“, der sich Skifahren überhaupt leisten kann, die Norm.

Luxushütten

Inzwischen versetzt mich eine andere Entwicklung in Erstaunen: das Angebot für eine zahlungskräftige Klientel, der das Allerbeste gerade gut genug ist. Für sie sind Gourmettempel förmlich in den Himmel gewachsen. Bei atemberaubendem Panorama in höchsten Höhen genießt man von Kitz bis St. Moritz auf Augenhöhe mit den Gipfeln prickelndes Après-Ski mit Champagner, Kaviar und Garnelen. Statt lokaler Hausmannskost gibt’s Trüffelpizza und der Kabeljau kommt nicht mehr im Gröstl daher, sondern wird auf Porzellan in Wasabi-Kruste an einer Sternanis-Honig- Sauce serviert. Im Kamin knistert Holzfeuer, der Pianist spielt Wohlfühlmusik und der Barkeeper mixt exklusive Drinks aus edelsten Spirituosen. Im Weinkeller lagern Schätze, die die Herzen vinophiler Gäste höherschlagen lassen. Vorausgesetzt, das Bankkonto ist gut gepolstert: Da findet sich dann gar ein Petrus Grand Vin Pomerol Jahrgang 2010 um 7.550 €. Dem kulinarischen Gesamtkunstwerk soll schließlich kein Rebsaft-Manko im Wege stehen!

So diese Luxustempel bald aufsperren dürfen, muss man sich um ihre Umsätze trotz Krise nicht wirklich Sorgen machen. Während die steigenden Lebenskosten für den Mittelstand eine existenzielle Bedrohung darstellen, ist Luxus für eine dünne Oberschicht Standard. Ganz nach der Devise „Wir gönnen uns ja sonst nix!“.

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