Kolumnen
10/08/2019

Johannas Fest: "Die Küche ist ein Statement"

"Sie hat das Auto als Statussymbol abgelöst, sie ist der neue SUV", zitiert Gastrosophin Zugmann einen Küchen-Designer.

von Johanna Zugmann

Vergangene Woche gab es in der Bundeshauptstadt zwei starke Bewegungsströme: Die einen setzten auf Tradiertes und strömten in den zweiten Wiener Gemeindebezirk auf die Wiener Wiesn. Die anderen suchten zukunftstaugliche oder auch utopische Antworten auf sich abzeichnende gesellschaftliche, soziale, ökonomische und politische Entwicklungen und bevölkerten die Zentrale und die vielen Nebenschauplätze der diesjährigen „Vienna Design Week“ (VDW) am Alsergrund. Schließlich gehen die meisten bahnbrechenden Innovationen auf die Zunft der Designer, die sich ohne die berühmte Schere im Kopf an Lösungsprozesse heranmachen, zurück.

Bei der heute endenden VDW, die Fans wieder in Scharen auf die Passionswege zu Pilgerstätten der guten Form lockte, war dem Thema Ernährung ein eigener Schwerpunkt gewidmet. In der Festivalzentrale im Althan Quartier über dem Franz- Josefs-Bahnhof präsentierten die Kreativen verschiedenste Szenarios zur Zukunft des Konsums. Ein omnipräsentes Thema, da das Fortschreiten der Urbanisierung und die sich damit verändernden Lebensbedingungen jede Menge Herausforderungen mit sich bringen. Zur Veranschaulichung: 1950 lebte nur ein Drittel der Menschen in Städten, 2007 mehr als die Hälfte und 2050 werden es 70 Prozent sein. In absoluten Zahlen bedeutet dies eine Verdopplung der Stadtbevölkerung zwischen 2007 und 2050 von 3,3 auf 6,8 Milliarden Personen. – Was werden wir dann essen?

Unter dem Titel „Du bist, was Du isst“ kredenzen die Veranstalter einen kulinarisch geprägten Streifzug durch die Festivalzentrale. Die verschiedenen Projekte zum Thema Urban Food & Design fokussieren die gesellschaftliche Wahrnehmung von Lebensmitteln abseits der Norm, positionieren Pilzbiomasse als Nahrungsalternative der Zukunft und greifen die politische Dimension von Essen auf.

Vegane Revolution?

Ein ganzer großer Raum zeigt die auf seine Kernaufgaben reduzierten Küchen des Designer-Duos chmara.rosinke. Die beiden aus Polen stammenden, in Wien und Berlin lebenden Kreativen sind 2012 mit ihrem Projekt „Mobile Gastfreundschaft“, einer fahrbaren Küche samt Essplatz für zwölf Personen, bekannt geworden. Seither regnet es internationale Auszeichnungen.

Mit ihrer mobilen Küche waren sie in Europa und Übersee unterwegs und bekochten an öffentlichen Plätzen vorbeikommende PassantInnen mit mehrgängigen Menüs zum Nulltarif. Die Intention dahinter war die Provokation spontaner Begegnungen in einer sonst distanzierten Umgebung, eine Antwort auf die zunehmende Suche nach einer alternativen Konsumkultur, die auch soziale Befriedigung bringt.

Bei der VDW 2019 präsentierten die beiden Gestalter statt eines Ausstellungskatalogs ihr im Verlag Spector Books erschienenes Buch „essays on kitchens“ mit höchst interessanten Beiträgen, wie etwa „Die Küche als Spiegel unserer Gesellschaft“.

In einem Live Talk vor Festivalpublikum konstatierte Maciej Chmara: „Die Küche ist ein Statement und hat das Auto als Statussymbol abgelöst, sie ist der neue SUV.“

Der Designer hat übrigens recherchiert, dass es alle dreißig Jahre zu einer Veränderung unseres Essverhaltens komme. Die nächste Revolution sei die vegane und ökologische. „Vielleicht wird dereinst mein Enkel sagen: ‚Hej, Opa ist echt krass, der hat doch damals glatt noch Fleisch von Tieren gegessen!‘“, so Chmara, Vater von Zwillingen im Vorschulalter.