Kolumnen
02/21/2021

Johannas Fest: 40 Tage Durststrecke

Man kommt sich schon beinahe exotisch vor, wenn man nicht einstimmt in den sich immer weiterverbreitenden Verzichtskanon.

von Johanna Zugmann

Vergangene Woche meldete sich meine frankophile Freundin Miriam, die mehrere Jahre in der Seine-Metropole gelebt hat. Sie ist eine hervorragende Köchin, ihr Mann ein begeisterter Hobby-Önologe. Einladungen bei den beiden sind dementsprechend Feste für Genießer. – Aber: „Wir sind fast umzingelt von Freunden und Bekannten, die sich die vierzig Tage von Aschermittwoch bis Ostern kasteien. Man kommt sich schon beinahe exotisch vor, wenn man nicht einstimmt in den sich immer weiterverbreitenden Verzichtskanon“, resümiert die quirlige 45-Jährige, für die edle Rebsäfte einfach zu einer kultivierten Mahlzeit gehören.

Tatsächlich wächst die Schar jener, die sich in der Fastenzeit Genussmittel bewusst versagt. Die einen lassen Fleisch und Alkohol weg, andere reduzieren ihren Kaffee- und Zigarettenkonsum gegen null, oder verkneifen sich Schokolade.

Viele verzichten temporär auf Alkohol und Gaumenfreuden, um sie nach der Abstinenzphase umso mehr genießen zu können. Wer zum Beispiel schon einmal eine mehrwöchige Fastenkur mit Basensuppen absolviert hat, kennt die Geschmackssensation der ersten festen Nahrung in Form eines gedämpften Apfels. Wenn die asketischen Übungen nicht aus religiösen Gründen erfolgen, steckt meist der Wunsch dahinter, Herr seiner selbst zu sein, ein paar Kilos abzunehmen, sich zu beweisen, dass man über den eigenen Gelüsten steht und alles unter Kontrolle hat. Das gehört in unserer modernen Leistungsgesellschaft zu den Grundvoraussetzungen. Ob Mäßigung ein Lustkiller ist? „Genuss und Selbstoptimierung könnten nach dem heutigen Weltbild nahezu als Gegensatzpaar beschrieben werden. Auf der einen Seite die Selbstoptimierung: der von einer protestantischen Leistungsethik durchdrungene Wille, sein Selbst ständig infrage zu stellen, auf der getriebenen Suche nach einer noch nicht wahrgenommenen Verbesserung. Auf der anderen Seite der Genuss: die verführende Entspannung, sich etwas Wohltuendem hinzugeben, auch die Gefahr, sich in der sinnlichen Welt zu verlieren“, analysiert die Ernährungswissenschaftlerin und Sachbuchautorin („Genussrevolte“) Eva Maria Endres.

Neue Trinkkultur

Hedonisten empfinden Menschen, die sich entsprechend den jeweils neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen nur gesund ernähren und ausschließlich Wasser oder Kräutertees trinken, oft als puritanische Spaßbremsen.

Die gesellige Miriam kann sich eine fein sortierte Käseplatte ohne Weinbegleitung kaum vorstellen. „Ich will Spaß im Glas!“, bekennt sie ganz offen.

Dass sich der bei Orangensaft, Cola, oder purem Wasser als Speisebegleiter eines mehrgängigen Gourmet-Menüs ebenso in Grenzen hält, wie bei den alkoholfreien Weinen, liegt auf dem Gaumen. Doch weltweit wird von verschiedensten Seiten daran gearbeitet, das Credo „Ohne ist das neue Mit!“ als Trend schmackhaft zu machen.

Wegbereiter einer neuen Trinkkultur ohne Alkohol sind zahlreiche Bücher mit Rezepten für Null-Promille-Cocktails, Getränkehersteller, die aus sortenreinen Obstsäften Grand Crus für die gehobene Gastronomie kreieren und Clubs und Bars wie etwa in New York, wo die Sobriety (nüchterne Gesellschaft) vor dem Lockdown das Leben ohne Kater am nächsten Morgen feierte. – Ob wir uns um den Fortbestand unserer jahrhundertealten Rebsaftkultur sorgen müssen? – Wohl kaum. „Es wird a Wein sein, und wir wern nimmer sein ...“, wusste man hierzulande schon im vergangenen Jahrhundert.

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