Johanna Sebauer: Pommes als Sommerphilosophie
Außen knusprig, innen weich – und mit einer Extraportion Sommer. Gegen Freibadpommes hat selbst die Sterneküche einen schweren Stand.
Von Autorin Johanna Sebauer
Wenig gibt es, worauf sich die Menschheit in diesen erhitzten Zeiten noch einigen kann. Nur eine Wahrheit gilt für alle: Nirgendwo schmecken Pommes frites so gut wie im Freibad.
Wollten die Sterneköche dieser Welt diesen einzigartigen Geschmack rekreieren, sie würden kläglich scheitern. Das Rezept verlangt nach knusprigen, salzigen Pommes, logisch, hineingeleert in eine stanitzelförmige Papiertüte. Ketchup, immer viel zu viel und immer so ungünstig auf den Pommes-Haufen gesetzt, sodass, wenn man beim letzten Pommes im Stanitzelzipfel angelangt ist, man sich bereits bis zum Ellenbogen damit vollgeschmiert hat. Was wiederum dazu führt, dass sich beim anschließenden Sauber-Schlecken der Finger ein Schuss See- oder Chlorwasser sowie ein Hauch Sonnencreme in die Aromenharmonie einreiht.
Gewiss wäre all dies von den Sterneköchinnen und -köchen zu bewältigen. Allerdings fehlt noch die wichtigste und mit Abstand am schwierigsten herbeizukochende Zutat, nämlich ein Eutzerl jener sehr spezifischen, süßen Unbeschwertheit aus Kindertagen. Der zarte Schmelz der Unbedarftheit und des Gewissens, dass, wenn die Pommes aufgegessen sind, man wieder ins Wasser springen wird, bis die Lippen blau sind und man am Ende des Tages sonnengeküsst und prall vor Leben nach Hause radeln und selig einschlafen darf.
Nur um am nächsten Tag aufzuwachen und exakt das Gleiche noch einmal zu tun und am wieder nächsten Tag noch einmal, da noch ein endlos weiter Sommer vor einem liegt. Ein Sommer, ohne einen einzigen Gedanken an Rechnungen und Termine, weit entfernt von der bitteren Erkenntnis, dass das Leben manchmal düster und hart sein kann.
Freibadpommes sind frittierte Glückseligkeit.
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