Franzobels WM-Kolumne: Wenn Fahnen hängen und Massen jubeln
Drei Stimmen, drei Blickwinkel, ein Sport: Mal analytisch und pointiert, mal emotional und augenzwinkernd, mal überraschend quer gedacht. Hier schreiben abwechselnd Schriftsteller Franzobel, Schauspieler Alfred Dorfer und Autorin Johanna Sebauer.
Von Schriftsteller Franzobel
Hupende Autokorsos, jubelnde Massen, Wildfremde, die sich abbusseln, und aus allen Fenstern hängen rot-weiß-rote Fahnen. Die Menschen haben ein Lächeln im Gesicht, vor den Tätowierstudios lange Schlangen, weil sich alle 19.VII.2026 tätowieren lassen wollen, den Tag, an dem Christoph Baumgartner Österreich in den siebten Himmel geschossen hat. Unglaublich, aber wahr: Österreich ist Weltmeister.
In den Kirchen werden Dankesmessen gelesen, Dompfarrer Toni Faber hat über den Altar ein riesiges Mannschaftsposter gehängt, der Alkoholkonsum verzehnfacht sich, alle Neugeborenen, egal welchen Geschlechts werden Ralph genannt, und den Denkmälern setzt man Rainer-Pariasek-Masken auf. Weltmeister-Torten und Cocktails werden kreiert, die Leute singen, tanzen, lachen. Ein Land im Freudentaumel, ein Land völlig aus dem Häuschen. Gut, die Wahrscheinlichkeit, dass Österreich Weltmeister wird, ist ungefähr so hoch wie die, dass ich jemals mit Brigitte Bardot (ja, die ist tot) eine Affäre habe.
Schade, weil die Feiern wären orgiastisch. Obwohl? In Österreich? Ein paar Betrunkene würden Immer-wieder grölen, andere täten sich Fußbälle auf die Wampe malen, auf dem Rathausplatz gäbe es tagelange Politikeransprachen und das unsägliche I am from Austria in Dauerschleife. Ja, kurz würden wir schon feiern, aber bald hätten wieder alle ihren "Kassa! Bitte!"-Dauergrant.
Wir haben das Feiern nicht gelernt, weil wir seit Aspern nie etwas gewonnen haben, jeder Sieg als Verrat unserer Mentalität und Betriebsunfall gesehen wird. Also werden wir nicht Weltmeister, weil wir nicht feiern können, auch das will gelernt sein. Am besten, fangen wir damit an.
Ja, jetzt gleich.
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