Johanna Sebauer

Johanna Sebauer im WM-Fieber: Gibt es Kuckucke wirklich?

Er ruft und ruft, zeigt sich aber nie: Ein Kuckuck im Dorf und absurde Theorien

Von Autorin Johanna Sebauer

Wir haben einen Kuckuck. Seit geraumer Zeit ruft er gefühlt ununterbrochen. Los geht es um vier Uhr morgens, mittags wird er ein bisschen ruhiger und am späteren Nachmittag legt er wieder los mit seinem ermüdend gleichförmigen Ruf. Das ganze Dorf kennt ihn, dies- und jenseits der Hauptstraße will man ihn gehört haben, und zwar immer so nah, dass jeder meint, der Vogel sei im eigenen Garten gesessen. Ist es einer? Sind es mehrere? 

Wir wissen es nicht. Denn es ist ja so, dass man den Kuckuck immer nur hört und nie sieht. Jeder andere rufende Vogel zeigt sich. Die schnarrenden Rotschwanzerl, die flötenden Amseln, die gackernden Schwalben, die gurgelnden Türkentauben, nur dieser Kuckuck nicht.

Seit uns im Dorf dieser Vogel terrorisiert, habe ich angefangen, mir eine Verschwörungstheorie zu erdichten: Kuckucke, jetzt werden Sie staunen, gibt’s nämlich gar nicht. Der Ruf, den wir hören, kommt aus in Wald und Wiesen versteckten Lautsprechern. Er soll uns ablenken von, naja, von alldem, das „die“ vor uns geheim halten wollen. Das Ganze mag aber auch eine aufwendige, in ihrer Kompliziertheit geradezu perfide Kampagne der Schwarzwälder Uhrenindustrie sein. 

Denn ohne Kuckuck keine Kuckucksuhr. Man muss nur eins und eins zusammenzählen, dann erkennt man doch die Muster! Die wollen uns für dumm verkaufen, diese … Und dann ist er mir plötzlich doch erschienen. Aus dem Zwetschgenbaum ist er aufgestiegen, über den Stadel geflogen und beim Nachbarn auf dem Zaun gelandet. Eindeutig war er es. Ein unscheinbarer Vogel. Grau wie eine etwas schief zusammengeschraubte Taube sah er aus. Nun gut, es gibt ihn also. Aber Moment! Haben Sie schon einmal eine Zikade gesehen?   

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