Ihr Auftritt, bitte!

Ihr Auftritt, bitte!
"Spazieren" wird noch zum Unwort des Jahres, wenn das so weitergeht. Dabei ist es die beinahe schönste Sache der Welt.
Birgit Braunrath

Birgit Braunrath

Danke der Nachfrage. Geht uns gut. Es läuft. – Es läuft? Was für eine Untertreibung in diesen Tagen!

Er, sie, es läuft, alle sind auf den Beinen. Gehen Daria und ich in den Wald (was wir seit gut zehn Jahren täglich tun), ist dieser voller als einst das Happel-Stadion, als die Stones dort auftraten.

Dabei treten im Wald nur die Fußsohlen auf, links, rechts. Und die Steine liegen stumm auf dem Weg. Bühnenauftritte sind im Wald selten, der Specht spielt manchmal Schlagzeug, die Singvögel haben in der Früh Chorprobe, aber sonst ist der Wald selbst Bühne genug.

„Wenn nichts geht, gehen wir eben in den Wald“, sagen sich die Menschen im Lockdown, und der Wald füllt sich. Der Lockdown wurde zum Schrittmacher für die Schrittzähler, die auf jedem Handy im Hintergrund mitnotieren, wie oft man mit den Fußsohlen auftritt, wie groß der sportliche Fußabdruck ist. Die eingebauten Bewegungsmelder wecken den Ehrgeiz. Auch Daria und ich haben derzeit den ganz großen Auftritt. Der Schrittzähler in meinem Handy glüht. Wir brechen unseren persönlichen Rekord, beinahe jede Woche. Neulich zeigte das Handy an einem ganz normalen Tag 24.000 Schritte und 151 Stockwerke an, und das vor dem Frühstück.

Spazieren? Nein danke, es reicht!

Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals so viel gehen würde wie 2020 und 2021. Ich gebe zu, es tut gut. Auch wenn eine Verkehrs-App praktisch wäre, die meldet, auf welchen abschüssigen, rutschigen, engen Waldstücken sich aktuell Spaziergängerstaus bilden, damit man diese großräumig umwandern kann.

Das Lustige an der Trendsportart Spazieren ist ja, dass bereits viele schimpfen: „Ich hab genug vom Spazieren und will endlich wieder betrunken vom Barhocker fallen!“ – Als ob das eine das andere ausschließe (ich empfehle ja Sturzhelm beim Trinken auf Barhockern, aber das ist eine andere Geschichte). Manche Menschen sind des Spazierens schon so leid, dass man das Wort in ihrem Beisein nicht sagen darf. Auch „Wandern“ ist für sie keine Option. Das klinge nach großer Bergtour mit Hüttenübernachtung. Doch auch diese Menschen treffen wir regelmäßig im Wald. Die betonen dann, sie würden weder spazieren, noch wandern: „Ich gehe nur eine Runde.“ Und so schließt sich der Kreis zum Spaziergang..

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