Kolumnen
01/06/2019

Fabelhafte Welt: Gute Vorsätze

Pläne bis zum Vierziger und das Haltbarkeitsdatum von Plänen.

von Vea Kaiser

Und, was haben Sie sich heuer vorgenommen? Abnehmen? Rauchen aufhören? Einen Berg bezwingen? „Der Mann ohne Eigenschaften“ lesen? Früher liebte ich es, Vorsätze zu fassen. Kurz nach Weihnachten setzte ich mich mit meinem Notizbuch und einer Tasse Kaffee an den Schreibtisch, um Listen zu erstellen, die ich bereits im Feber wieder vergessen hatte. Und um diese Prozedur im darauffolgenden Dezember zu wiederholen. Jährlich grüßt das Murmeltier. Heuer jedoch verzweifle ich an einem größeren Problem: Ich wurde vor zwei Wochen dreißig. Zu meinem Zwanziger hatte ich mir vorgenommen, bis zu meinem Dreißiger drei Bücher zu schreiben. Da meine sonstigen Vorsätze ein Haltbarkeitsdatum von sechs Wochen hatten, ging ich nicht davon aus, dies zu schaffen. Doch es ging sich aus. Der dritte Roman wurde fertig und erscheint im März. Seither grüble ich tagein tagaus: Was soll ich mir bis zum Vierziger vornehmen? Einen Marathon unter drei Stunden zu laufen? Den Hund zum Trüffelsucher auszubilden? In die Politik zu gehen? Mein Gatte, der Dottore Amore, ist der Meinung, ich sollte mir vornehmen, ausschlafen zu lernen. Aber der Umstand, dass ich dem Schlaf nicht unbedingt freundlich gegenüberstehe, half sehr bei der Abfassung dreier, umfangreicher Romane. Und überhaupt verstehe ich nicht, was am Ausschlafen so toll sein soll. Man verliert den halben Tag und fühlt sich danach benebelt. Allein im Bett passiert sowieso nichts Interessantes und Rückenschmerzen bekommt man auch. Andererseits verhindert der ausgiebige Schlaf wahrscheinlich, sich zu viel vorzunehmen. Und wenn man sich nicht zu viel vornimmt, kann man weder daran scheitern, das Vorgenommene nicht erreicht zu haben, noch daran verzweifeln, die Ziele erreicht zu haben und daraufhin nicht weiter zu wissen. Ein fast philosophisches Problem. Ich glaub, ich muss darüber schlafen …

vea.kaiser@kurier.at