Kolumnen
12/03/2021

Ein Trockenfrüchte-Trauma

Sagen Sie ruhig, dass ich undankbar bin. Aber bitte schenken Sie mir keinen Zwetschkenkrampus.

von Barbara Beer

Jahrelang ist dieses Kamel in der Auslage gestanden. Nie hat es jemand gekauft. Ich frage mich heute noch, was aus ihm geworden ist.

Immer, wenn ich an der Ecke Schulerstraße – Strobelgasse vorbeigehe, denke ich an das Kamel. Es stand ewig da. Puppen, Bären und Modelleisenbahnen kamen und gingen. Das Kamel blieb.

147 Jahre war das Spielwarengeschäft Hilpert direkt hinter dem Stephansdom ein Zwischenstopp auf jedem Stadtspaziergang. Auslageschauen war Pflicht, egal, wie alt man war. Langjährige Kunden erinnern sich an die großartige Auswahl an Spielzeugautos und Stofftieren, an den heimelig knarrenden Parkettboden und daran, dass der Seniorchef einst persönlich am 24. Dezember in die Vorstadt reiste, um die Bescherung in letzter Minute zu retten. Viele sind mit dem Hilpert alt geworden und haben es erst bemerkt, als er vor zwei Jahren zugesperrt hat.

Noch immer brüllt einem die leere Auslage entgegen. Und noch immer denke ich an das vergeblich wartende Stoffkamel. Stattlich war es, ein Steiff-Tier mit Knopf im Ohr, gerade richtig groß. Warum ich es nie gekauft habe? Früher war es zu teuer, dann waren die Kinder zu groß und später gab’s wohl Wichtigeres.

Ums Eck, in der Wollzeile, ein tröstlicher Anblick. Beim Staudigl steht ein großes Lebkuchenhaus in der Auslage. Auch ein Kindheitstraum. Statt der Erfüllung des Traumes bekam ich als Kind ein Trockenfrüchte-Trauma. Jedes Jahr schenkte man mir einen Zwetschkenkrampus. Mit Zwetschken zum Zähneausbeißen und Feigen, so hart wie Stein. Nennen Sie mich ruhig undankbar, hätte meine Oma auch gesagt, wenn sie gewusst hätte, was ich über ihren Zwetschkenkrampus dachte.

Auch, wenn man schon eine Weile erwachsen ist, kann es sein, dass man innerlich noch mit steinernen Zwetschkenkrampussen zu kämpfen hat. Aber egal, wie lange man schon erwachsen ist: Es ist nie zu spät für ein Lebkuchenhaus.

Bloß, wo das Kamel geblieben ist, das weiß ich leider nicht.

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