Kolumnen
06/11/2021

Die letzte Rettung

Europas Städte waren einst voll von Hütteln, Standeln und sonstigen in der Gegend herumstehen Objekten. Liebevoll könnte man von Mikorarchitektur sprechen

von Barbara Mader

Aus dem Gestern lernen, um das Heute zu verstehen. Hat wahrscheinlich nicht meine Oma, vielleicht aber Heinz Fischer gesagt.

Blicken wir also zurück ins Jahr 2017, als nach elf Jahren Rechtsstreit ein nicht genehmigter Kebabstand am Alserspitz entfernt wurde. Dies Ende der Verhüttelung wurde über alle Parteigrenzen hinweg gefeiert.

Jüngst hatte nun ein Kebabstand-Betreiber am Rennbahnweg Zores mit dem Bezirk, der seine Stand-Bewilligung nicht verlängern wollte. Von vernichteter Existenzgrundlage war die Rede, in Foren wurde die Frage nach künftig Kebab-jausenlosen Schulkindern aufgeworfen. Und wieder fiel das Wort Verhüttelung, gegen die der Bezirk, diesfalls in Person des roten Donaustädter Bezirkschefs, energisch vorgehen wolle.

Verhüttelung also. Erstmals fiel sie dem Redaktionskomitee mit dem Zusatz „der Innenstadt“ auf, gegen die einst ÖVP-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel, nunmehr Ex-FPÖlerin und „Bloggerin im Unruhestand“, tapfer zu Felde zog.

In Zeiten, wo in der Politik niemand mehr mit niemandem kann, könnte das Thema Verhüttelung die Rettung der politischen Gesprächskultur sein. Wettern wir gegen Verhüttelung, und wir haben Konsens quer durch alle Parteien.

Das war nicht immer so. Europas Städte waren einst voll von Hütteln, Standeln und sonstigen in der Gegend herumstehen Objekten. Und diese wurden durchaus nicht alle als Verschandelung wahrgenommen – und auch nicht so gebaut.

Die Herzen der Bonner erfreut seit 70 Jahren das Bundesbüdchen, ein denkmalgeschützter Kiosk im ehemaligen Regierungsviertel, bei dem so gut wie jeder Kanzler Würstel aß. Und in Dessau hat gar der berühmte Architekt Mies van der Rohe einen Kiosk gebaut.

Akzeptierten wir Büdchen, Kioske oder Standeln als Teil des Stadtbildes, müssten wir diese Mikroarchitekturen entsprechend gestalten.

Aber ach, dann wäre wohl die schöne Anti-Verhüttelungs-Einigkeit perdu. Und damit die letzte Rettung für die Politik.

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