© Elisabeth Raatz

Kolumnen
09/02/2019

Alle Viere von sich strecken

„Im nächsten Leben werd ich Beagle“, murmle ich. Darauf Beagle Daria: „Wieso nicht gleich?“

von Birgit Braunrath

Am Freitag verabschiedeten wir uns – von der Insel, vom Sommer und vom Terrassensofa, auf dem Daria so gern alle Viere von sich streckt.

Die Abreise war zu früh. Aber das ist sie jedes Jahr. Genau jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich meinen Atem, mein Tempo, meinen Rhythmus mit dem der Insel synchronisiert hatte.

Unlängst unterhielten wir uns darüber, dass man rascher in den Erholungsmodus kommt, wenn man an einen Ort reist, den man schon kennt und mag. – Da bin ich aber froh, dass ich seit 37 Jahren auf dieselbe Insel reise. Hier dauert es „nur“ zwei Wochen, bis ich aus dem hektischen Arbeitsalltag in den trägen, schwülen Sommerinselgroove wechsle und endlich die Geräusche der Zikaden, der Meereswellen und der Kirchturmuhr meinen Tagesablauf bestimmen lasse. Nicht auszudenken, wie lange ich bleiben müsste, um ganz und gar anzukommen, wenn ich an einen völlig neuen Ort reisen würde.

Die Insel in mir

Daria ist da flexibler. Sie lässt alle Hektik hinter sich, sobald sie das Schiff, das uns hier herbringt, verlassen hat. Sie riecht die salzige Luft, den Thymian, den Traktor, der gerade vorbeifuhr, die Fischreste, die an der Mole vor sich hin gammeln – und schon ist sie angekommen.

Sie kennt den Weg. Sie weiß, wo sie ihr Terrassensofa findet. Sie streckt die Hinterpfoten aus, legt den Kopf auf die Vorderpfoten und lässt fünf gerade sein, noch ehe das Schiff wieder abgelegt hat.

Ich hingegen versuche fieberhaft, aus fünf vier oder sechs zu machen, damit es auch mir gelingt, alle fünf gerade sein zu lassen. Es klappt nicht, an allen Ecken und Enden sehe ich etwas zu tun, zu verbessern, zu kritisieren. Am Ende hat immer noch nicht die Perfektion auf der Insel Einzug gehalten, dafür die Insel in mir.

Ich liege auf der Terrasse und spüre endlich so etwas wie Frieden in mir. Daria bemerkt, dass ich schließlich doch noch den Ruhepuls der Insel übernehme, sie hebt anerkennend den Kopf. Da hören wir am Hafen ein Schiff anlegen. „Daria, es wird Zeit“, seufze ich. Sie springt auf und ist reisefertig. Ich nicht. Vor drei Tagen wollte ich noch verfrüht abreisen, weil mir hier alles zu langsam, zu träge schien. Jetzt bin ich selber langsam. Ich bewundere die Entschlossenheit, mit der Daria neue Situationen annimmt. „Im nächsten Leben werd ich Beagle“, murmle ich. Darauf Daria: „Wieso nicht gleich?“